Felix Guntermann: "Große Dynamiken und soziokulturelle Unterschiede in Bad Godesberg"

Der Bonner Geograph spricht im Interview über das soziale Gefüge von Bad Godesberg und die Bedeutung von "Gentrifizierung".

Zahlreiche Botschaften, Residenzen und Wohnanlagen für Botschaftspersonal die nach dem Umzug privatisiert, renoviert und - in nicht unerheblichem Umfang - luxussaniert wurden: Sie sind in Bad Godesberg seit einigen Jahren ebenso zu beobachten wie ein erheblicher Bevölkerungsaustausch, der zu mehr Einwohnern und einer veränderten Sozialstruktur führte. Erscheinungen wie diese werden in der Wissenschaft unter dem Begriff der Gentrifizierung zusammengefasst.

Der Bonner Diplom-Geograph Felix Guntermann hat unter dem Titel "Sozialräumliche Polarisierung - jüngere Entwicklungen in Bonn-Bad Godesberg" seine Abschlussarbeit vorgelegt. Darin nimmt er die Medienberichterstattung über "soziale Probleme und Ungleichheiten" zum Anlass, "die aufgeworfenen Fragen im Sinne der Stadtgeographie wissenschaftlich zu beleuchten". Mit ihm sprach Michael Wenzel.

Auf Wikipedia findet man unter dem Stichwort Bad Godesberg den Satz: "Seit der Regierungssitz von Bonn nach Berlin verlegt wurde, änderte sich in Bad Godesberg auch die Bevölkerungsstruktur, wodurch die sozialen Probleme zwischen heterogenen Bevölkerungsteilen zunahmen". Fest steht: Der Strukturwandel hat in Godesberg tiefe Spuren hinterlassen. Für Wissenschaftler ein perfekter Untersuchungsgegenstand. Was hat Sie an dem Thema besonders gereizt?
Guntermann: Seit zehn Jahren bin ich selbst Godesberger - und habe damit gewissermaßen mit zum Bevölkerungswandel beigetragen. Während meiner Diplomarbeit bin ich immer wieder auf großes Medieninteresse gestoßen, allerdings auch auf teilweise stark übertriebene Schlagzeilen zum Image des Stadtbezirks. Aber sie haben einen wahren Kern: Es gibt hier große Dynamiken und soziokulturelle Unterschiede zu beobachten, und das auf einem relativ überschaubaren Raum.

Das Wort Gentrifizierung taucht in Ihrer Arbeit nur am Rande auf. Üben Sie da als Wissenschaftler einfach nur Zurückhaltung, oder ist das ein politischer Kampfbegriff, den die Medien so gerne aufnehmen?
Guntermann: Gentrifizierung meint ja einen stadtteilbezogenen Aufwertungsprozess, den man auch als Erscheinungsform sozialer Abgrenzung interpretieren könnte. Ich sehe Gentrifizierung eher nicht so sehr als Kampfbegriff, sondern als sozialräumliches Phänomen mit Vor- und Nachteilen. Ohne Zweifel finden in Teilen Godesbergs Verdrängungsprozesse statt, bei denen sozial schwächere Bewohner solchen mit höheren Einkommen weichen müssen. Dennoch handelt es sich hier meiner Meinung nach nicht um einen großflächigen Austausch statusniedriger in statushohe Bevölkerung.

In Ihrer Arbeit sprechen Sie von einer "Verschärfung gewisser Disparitäten". Was meinen Sie genau?
Guntermann: Besonders die jüngere Stadtentwicklung weist Tendenzen zu einer Verstärkung vorhandener Ungleichheiten auf. Das kann man für einzelne Quartiere feststellen an Sozialstruktur, Alter und Herkunft ihrer Bewohner. Speziell in Godesberg kommt es dazu, dass sich wohlhabendere Haushalte einerseits und ärmere Haushalte andererseits kleinräumlich konzentrieren.

In einer Umfrage des GA im vergangenen Jahr unter knapp 1 800 Lesern "zum Leben in Bad Godesberg" war ein Ergebnis besonders spektakulär: Fast 80 Prozent der Befragten sahen einen wachsenden Unterschied zwischen arm und reich in Bad Godesberg. Können Sie diese subjektive Wahrnehmung mit Zahlen erhärten?
Guntermann: Nehmen wir das Thema "lokale Kaufkraft": Diese hat sowohl in der Gesamtstadt Bonn als auch innerhalb des Stadtbezirks Bad Godesberg im Zeitraum 2003 bis 2010 abgenommen, ist jedoch im Bundesvergleich immer noch überdurchschnittlich hoch. Bezugsmarke ist die durchschnittliche Kaufkraft in Deutschland (100). Trotz der gesunkenen Werte liegt die Godesberger Kaufkraft (113,4) auch weiterhin über Bonner Niveau (111,5), der Abstand zu Bonn hat sich sogar noch vergrößert. Die drei stärksten Werte in Godesberg (Schweinheim 125,3; Muffendorf 125,1; Villenviertel 122,9) sind gleichzeitig die Top Drei im gesamten Bonner Stadtgebiet. Und die niedrigsten Werte (Godesberg-Zentrum und Godesberg-Nord) gehören zu den niedrigsten in ganz Bonn. Man kann also sagen: Auch auf gesamtstädtischer Ebene versammeln sich die Extremwerte in Bad Godesberg.

In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich mit ethnischer, demografischer und sozialer Segregation. In welchem Bereich sehen Sie die stärksten Konfliktpotenziale?Guntermann: Grundsätzlich liegen die stärksten Konfliktpotenziale vor, wenn es zur Überlagerung verschiedener Formen von Abgrenzung kommt. Interessant ist, dass in Deutschland die soziale Segregation in den letzten Jahren zugenommen hat, während die ethnische Segregation zurückgegangen ist - durchaus im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung. Dabei weist in Godesberg, einem Stadtbezirk mit hohem Zuwandereranteil, die Mehrheit der Ortsteile (zehn von 16) unterdurchschnittliche Werte auf. Das heißt, wir finden eine Konzentration von Zuwanderern in einem Kernbereich im Zentrum und einem weiteren Schwerpunkt im Süden. Durch diese Ungleichverteilung kommt es hier zu einem Spannungsverhältnis.

Polarisierungstendenzen erkennen Sie auch auf dem Wohnungs- und Grundstücksmarkt. Trotz eines stabilen Mietpreisniveaus weisen Sie einen exorbitanten Anstieg der Kaufpreise "in der obersten Wohnlageklasse" nach.
Guntermann: Ein Beispiel: Was die durchschnittlichen Bodenrichtwerte betrifft, kann Godesberg in allen Wohnlagen die höchsten Werte aller Stadtbezirke aufweisen. Besonders auffällig ist die Godesberger Preisentwicklung bei der obersten Wohnlageklasse. Hier ist der Wert für Wohnbaufläche in sehr guten Lagen von 380 Euro (2004) auf 440 Euro pro Quadratmeter (2010) gestiegen, wie dem Grundstücksmarktbericht der Stadt Bonn zu entnehmen ist. Daraus resultiert ein Verdrängungsprozess. Bei Neubauprojekten dominieren die Angebote im Hochpreissegment. Neuen großflächigen Wohnraum, der als sozial gemischteres Projekt angelegt wäre, gibt es dagegen kaum. Und die Standorte öffentlich geförderter Wohnungen sind schließlich eher räumlich geballt als gestreut.

Welche Empfehlungen können Sie den Akteuren vor Ort auf den Weg geben?
Guntermann: Veränderungen der Bevölkerungsstruktur sind für Bad Godesberg kein neues Phänomen. Sie sind hier immer schon, wenn auch in unterschiedlichen Formen und Ausmaßen, zu beobachten gewesen. Soziale Mischung sollte gefördert werden - weiterhin, aber nicht überall und nicht um jeden Preis. Denn es kann nicht darum gehen, Ungleichheiten und Unterschiede zu egalisieren, sondern darum, für räumlich ausgeglichene Strukturen zu sorgen, wie das die Wissenschaft nennt. Für Strukturen also, in denen Gegensätze bestehen bleiben dürfen und das Bewusstsein für Unterschiede und Gemeinsamkeiten weiterentwickelt werden kann.