Eine schockierende Nachricht

Am Anfang stand ein Brief. Den schrieb vor genau einem Jahr Pater Klaus Mertes, ehemaliger Schüler des Aloisiuskollegs (Ako) und derzeitiger Rektor des ebenfalls jesuitischen Canisius-Kollegs in Berlin, an 600 dortige Ehemalige. Nicht gerade freiwillig. Denn seit Ende 2009 war Mertes von drei Canisius-Absolventen unmissverständlich aufgefordert worden, am renommierten Kolleg Fälle systematischer sexueller Gewalt aus den siebziger Jahren aufzudecken.

Bad Godesberg. Am Anfang stand ein Brief. Den schrieb vor genau einem Jahr Pater Klaus Mertes, ehemaliger Schüler des Aloisiuskollegs (Ako) und derzeitiger Rektor des ebenfalls jesuitischen Canisius-Kollegs in Berlin, an 600 dortige Ehemalige. Nicht gerade freiwillig. Denn seit Ende 2009 war Mertes von drei Canisius-Absolventen unmissverständlich aufgefordert worden, am renommierten Kolleg Fälle systematischer sexueller Gewalt aus den siebziger Jahren aufzudecken.

Diese Botschaft, "Patres des Jesuitenordens haben Schüler missbraucht", gelangte in die Presse - und zündete vor einem Jahr eine Bombe. Im Nu wurden auch die anderen Jesuitenkollegs, das in St. Blasien und das Ako in Bonn, von Betroffenen erst anonym und dann mit offenem Visier mit Beschuldigungen überzogen.

Der Skandal weitete sich bald auch auf das Benediktinerkloster Ettal aus und, als Blitzschlag auch für die protestantische Reformpädagogik, auf die Odenwaldschule im hessischen Heppenheim. Eine Lawine war losgetreten.

Und der konnte im Bonner Ako auch der amtierende Rektor bald nicht mehr standhalten. Denn hier schienen die Fälle nicht nur, wie in anderen Schulen, juristisch verjährt zu sein. Bald rollten Anzeigen wegen aktuellerer Verstöße auf das Kolleg zu. Der Rektor meldete sich ab. Und ließ völlig geschockte und hilflose Schüler zurück.

Erst durch eine forcierte Aufklärungsarbeit der neuen Kollegspitze beruhigte sich die Lage am Ako ein wenig. Man arbeitete alsbald mit der Jesuitenbeauftragten und dann mit der unabhängigen Aufklärungskommission zusammen, legte inzwischen ein Präventionskonzept vor.

Aber auch bei zahllosen anderen Erziehungseinrichtungen kamen 2010 bundesweit Fälle sexuell motivierter Gewalt ans Licht: in Bonn am Internat des Collegium Josephinum der Redemptoristen ebenso wie am ehemaligen St. Ludwig Kolleg der Franziskaner-Minoriten und im Bereich der Jugendhilfe am evangelischen Godesheim.

Das Thema sei durch die intensive Aufklärungsarbeit längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, erklärte Christine Bergmann, die im März eingesetzte Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Bei ihrer Hotline meldeten sich bis heute rund 10 000 Betroffene oder Angehörige, die Taten natürlich besonders im Umfeld von Familie ansiedeln.

Jeder dritte Missbrauch findet demnach aber doch in Institutionen wie Kirche, Schule oder Verein statt. Und innerhalb dieser Gruppe stehen die Fälle in katholischen Einrichtungen an der Spitze. Was letztlich 2010 zu einer Welle von Austritten aus der katholischen Kirche führte.

Das Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen steht also seit genau einem Jahr im Fokus der Öffentlichkeit. Bergmann hat dazu jetzt die Medienkampagne "Sprechen hilft" gestartet. Die Enthüllungen lösten reihenweise Entschuldigungen der Verantwortlichen aus. Opfergruppen wie der "Eckige Tisch" der an Jesuiteneinrichtungen Geschädigten fordern ihre Rechte ein, zwingen die Verantwortlichen an den Verhandlungstisch.

Überall geht es nun, gerade vor dem diesjährigen Deutschland-Besuch des Papstes, um die Entschädigungsfrage. Während die Jesuiten den Opfern jeweils 5 000 Euro angeboten haben, fordern Opferverbände rund 80 000 Euro pro Person. Der von der Bundesregierung eingerichtete Runde Tisch soll Klärung bringen.

Am Bonner Ako wird erst jetzt, Mitte Februar, der Abschlussbericht der Aufklärungskommission erwartet. Es dürfte im Missbrauchsskandal also auch in diesem Jahr noch spannend bleiben.