Tage der Architektur am 28. und 29. Juni

Ein Rendezvous von Alt und Neu

BONN/AHRWEILER. Vom respektvollen Umgang mit einem Architekturjuwel und der Herausforderung, ein Haus ganz ohne Heizung zu bauen: Architekten und Bauherren erlauben Samstag und Sonntag den Blick hinter die Kulissen

Es waren legendäre, rauschende, Feste, die hier gefeiert wurden. Jeder, der in Bonn und dem Bund Rang und Namen hatte, kam. Bier floss in Strömen. Das "Oktoberfest in Bonn" war ein über alle Parteigrenzen hinaus zwingender Musstermin auf der politischen Gesellschafts-Agenda. Zeitgenossen konnten auf die nicht so ferne Idee kommen, das Münchner Hofbräuhaus würde in Bonn eine Dependance haben. Wo? In der Bayerischen Landesvertretung in der Schlegelstraße.

Der langgesteckte, einst durch seine roten Fallmarkisen geradezu mediterran anmutende Bau von Sep Ruf war 1954/55 für den Bevollmächtigten des Freistaats Bayern errichtet worden. Ruf, der 1958 gemeinsam mit Egon Eiermann den spektakulären Pavillon Deutschlands auf der Weltausstellung in Brüssel baute und der Architekt des Kanzlerbungalows (1964) ist, setzte mit der "Bayerischen Botschaft" eine erste Duftmarke in Bonn.

Butzenscheiben in Bonn

Ist auch der weißblaue Anstrich, der in der Ära Franz Josef Strauß rund um die Türen für bajuwarisches Kolorit sorgte, verschwunden: Es gibt heute noch viele Details, die, wie der bullige Tresor, an Strauß' Geheimnisse erinnern oder von bayerischer Brauchtumspflege erzählen. Gleich im Eingang der Zapfhahn und dann der rustikale, holzgetäfelte Bierkeller mit den wohl nördlichsten bayerischen Butzenscheiben der Republik. Zwar hat der neue Besitzer der Immobilie, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, den einst in Hofbräuhaus-Maßen konzipierten Bierkeller zugunsten eines Archiv-Depots erheblich verkleinert. Aber einen Eindruck des bierseligen Refugiums bekommt man noch. Wenn auch einiges entschärft wurde: So verschwand das vulgo genannte Kotzbecken, im Fachjargon Entlastungsbecken, für lange Abende in der Landesvertretung wohl unabdingbare Utensil im Séparée.

Neugier erlaubt

Und doch bekommt der Besucher, der am "Tag der Architektur" am 28. bzw. 29. Juni seine Runde macht, einen Eindruck für eine mustergültig revitalisierte Architektur. Denn darum geht es beim "Tag der Architektur" in NRW und Rheinland-Pfalz: Architekten und Bauherren, Hobby- und professionelle Planer, schließlich auch neugierige Zeitgenossen sollen einen Blick hinter die architektonischen Kulissen werfen dürfen. Es geht um innovative Energiekonzepte und Rettung historischer Substanz, um Mehrgenerationenlösungen und Passivhäuser und - in diesem Jahr besonders spannend: Fälle, in denen Neu und Alt kombiniert wird, wo historische Substanz auf aktuelle Technik trifft.

Allein in NRW sind beim 19. Tag der Architektur 418 Bauwerke, Quartiere und Gartenanlagen in 166 Städten geöffnet. In der Bonner Region sind es mehrere Dutzend Objekte, die am kommenden Wochenende besucht und erkundet werden können. Sei es der Plausch mit einem Architekten, die Problemlösung vor Ort, Inspiration oder auch nur das verständliche Interesse an Modernisierungs- und Einrichtungstipps: Eine wachsende Zahl von Architekturinteressierten geht auf Wanderung zu den Objekten. Im vergangenen Jahr waren es NRW-weit 40.000 Besucher, die sich auf die Bautour begaben.

Es gibt viel zu entdecken

Das Angebot der Region deckt die ganze Palette der Möglichkeiten ab, reicht vom liebevoll restaurierten Forsthaus aus dem 19. Jahrhundert in Bad Honnef bist zum zertifizierten Passivhaus in Wachtberg, das alle Möglichkeiten der Ressourcenschonung unter einem Dach vereint. Zu sehen sind etwa ein wie eine großzügige Ferienanlage konzipiertes Wohnensemble in Rüngsdorf und eine gründlich umgebaute Weinmanufaktur in Dernau, die Umwandlung eines ehemaligen Bauernhofs in Bornheim in sechs Wohneinheiten und die Konzeption eines Gartens mit Teich an der Mehlemstraße. Es gibt ferner geradezu bauarchäologische Projekte wie die Wiederherstellung der Gründerzeitvilla "Rheinkilometer 645" in Königswinter, die in den 70er Jahren viele Elemente des ursprünglichen Baudekors verlor und jetzt anhand alter Fotografien rekonstruiert wurde.

Ein besonderer Fall ist sicherlich die schon erwähnte ehemalige Bayerische Landesvertretung, die unter der Ägide des neuen Besitzers, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, durch den Hennefer Architekten Michael C. Deisenroth mustergültig restauriert wurde. Asbestummantelungen hatten die filigranen Stützen in der lichten Lobby zu klobigen Pfeilern werden lassen, abgehängte Decken die großzügigen Proportionen eines Baus verändert, mit dem Ruf in den 50er Jahren an den luftigen amerikanischen Villenstil der 1930/40er Jahre angeknüpft hatte. Hier und da war Sep Rufs Farbkonzept im Laufe der Jahre durch neue Anstriche verfälscht worden, schöne Details wie eine Art Baldachin, der sich von der Eingangszone quer durch die Halle zog oder der aparte Dachrand aus Jurakalkplatten, der einst den Pavillon für den Konferenzsaal nach oben abschloss, waren einfach überbaut worden.

Mit Liebe zum Detail

"Bis ins letzte Detail haben wir die Landesvertretung in ihren Ursprungszustand zurückversetzt", sagt Deisenroth, der einst als Mitglied der Planungsgruppe Stieldorf an der Erweiterung der Landesvertretung in den frühen 80er Jahren beteiligt war. Deisenroth erforschte gemeinsam mit der Stiftung die ursprüngliche Struktur und Farbigkeit des Raumes. Heute erscheint der Bau genau so, wie Albrecht Haas, Chef der Bayerischen Staatskanzlei es 1955 gefordert hatte: "Das soll ein anständiger Bau für ein anständiges Land werden, wo anständige Leute arbeiten wollen (...) eine moderne, helle Landesvertretung mit viel Grün und Glas inmitten des Regierungsviertels (...) oberster Grundsatz: viel Luft und viel Glas." So zitierte der General-Anzeiger damals den Staatskanzlei-Chef.

Das Pathos ist verflogen, dafür treten die architektonischen Details umso deutlicher zutage: Die rund zehn Meter hohe, dunkel spiegelnde, handgearbeitete Terrazzowand im Treppenhaus etwa, die wunderbar mit den honiggelben filigranen Stufen und dem roten Fond korrespondiert, oder die feinen Stützen im Foyer, die den Blick in den schönen Garten rahmen. Ein Stockwerk höher gibt es ein farbliches Potpourri aus petrolfarbenem Teppich (der das originale Linoleum ersetzt), roter Wand und Messing-Treppenlauf. Rufs Konzept überzeugt heute noch.

Der Besucher wird am "Tag der Architektur" freilich auch den eher blockhaften Anbau der 80er Jahre mit den bläulichen Panzerglasscheiben sehen. Deisenroth kann sich noch gut erinnern, wie die damalige Terrorgefahr zu derlei Bunkerbauten führte. Immerhin: Der Bayer Franz Josef Strauß stand damals ganz oben auf der Abschussliste der RAF. Deisenroth erinnert sich aber auch daran, dass er als Bauleiter ein Alkoholverbot auf der Baustelle an der Schlegelstraße durchsetzte, gegen heftigen Widerstand des bayerischen Bauherrn. Die bierfreie Zone wurde Wirklichkeit: Auf der Baustelle, aber natürlich nicht im Keller. Das ist Geschichte.

Bausünde?

Der "Tag der Architektur" hat in Bonn auch einen echten, aktuellen Aufreger im Programm: Die "RheinLogen" am Brassertufer, die an Stelle des abgerissenen Hotels Beethoven und anderer Bauten 2012/13 gebaut wurden. An prekärem Ort, denn nicht nur archäologische Funde, deren Bergung die Bautätigkeiten verlängerten, verraten, dass es sich hier um empfindliches Bonner Altstadtgebiet handelt. Der Aufschrei auf den Leserbriefseiten des GA war heftig, die studentische "Werkstatt Baukultur" lud zum Ortstermin, Kritiker bezeichneten die kubischen "Logen" als "Bausünde", als "plumpen Koloss", Walfried Pohl vom Deutschen Werkbund meinte, "das Gebäude passt nicht nur nicht ans Brassertufer in Bonn, sondern nirgendwo hin". Was die Käufer nicht schreckte. Die hochpreisigen 77 Wohnungen sind inzwischen alle verkauft, sie knackten die bislang in Bonn unüberwundene Marge von 5000 Euro pro Quadratmeter. Nur noch das Restaurant sucht einen Betreiber.

Die Kölner Architektin und Stadtplanerin Regina Stottrop hat die Kritik an ihren "RheinLogen" registriert - "wir haben uns nicht beirren lassen" -, erzählt aber auch von viel Zuspruch. Generell findet sie es gut, dass über Architektur, insbesondere über "diese farblich expressive Gestalt", gesprochen werde. Gegen Emotionen hat sie gar nichts. Ihr Konzept orientiert sich an der kleinteiligen Struktur der ursprünglichen Bonner Altstadt mit Verbindungswegen vom Rhein in die Stadt. Diese Struktur habe es lange Zeit nicht mehr gegeben, sagt sie, jetzt sei sie wiederhergestellt. "Ich wollte riesige Gebäudemassen vermeiden", sagt sie. Durch die logenartige Staffelung habe jede Wohnung die Chance zum Rheinblick. "Aber mich reizte dabei nicht der Blick auf das gegenüberliegende, nicht so attraktive Rheinufer, sondern der Blick nach Süden in die Rheinschleife Richtung Siebengebirge", sagt die Architektin. Die Haupt-Fensterfronten der fünf unterschiedlich hohen Gebäude folgen dieser Achse gegen Süden.

Freundliche Farben

Regina Stottrops Konzept sah vor, zwischen Vogtsgasse, Giergasse und Rheingasse ein eigenständiges Quartier in kleinteiliger Struktur zu schaffen, das mit einem öffentlichen Platz in der Mitte auch Leute zum Verweilen einladen soll, die hier nicht wohnen. "Die Rheinlogen sollen als Stück Stadt erlebbar sein, das ist keine gated Community", sagt die Architektin. Farblich hat sie sich etwa mit dem hellen Sandstein von der Mauer zum Unigebäude an der Vogtsgasse arrangiert. Details auf den Dächern der "Logen" wiederholen, so Stottrop, die Elemente der umliegenden Bebauung. Ansonsten sei das Farbkonzept freundlich und auf Komplementärkontraste ausgelegt: Rote Bänder auf der Balkonseite des Hauses "Fidelio" zum Süden hin, dafür die schwalbennestartigen berühmten grünen "Blickkanzeln" an der Nordfassade.

Eine spannende, geradezu kniffelige Bauaufgabe hatte der Hennefer Architekt Christoph Lichtenberg zu bewältigen: Am Annagraben unweit des Landgerichts und in der Nachbarschaft der "Elisabeth Kinderbewahranstalt", an die ein Relief über dem Portal erinnert, steht ein schlankes graues Gründerzeithaus von 1906. Im Keller gibt es Reste der historischen Bonner Stadtmauer. Neben dem unter Denkmalschutz stehenden Wohnhaus klaffte eine Baulücke, die Lichtenberg zu füllen hatte - unter dem strengen Blick der Denkmalbehörde. Natürlich stand es für Lichtenberg nicht zu Debatte, gründerzeitliches Baudekor oder Fassadenstruktur zu kopieren oder zu imitieren. Farblich nimmt Lichtenberg das Grau des Altbaus auf. Grobe Linien verbinden beide Hälften, die gründerzeitliche und die moderne. Während beim Bau von 1906 aber Lisenen neben den Fenstern die Vertikale betonen, fällt der Neubau durch zwei großzügige vertikale Fensterbänder auf.

Brilliante Lösung

Der aufmerksame Beobachter wird bemerken, dass hier ein Hochparterre mit zwei Geschossen und einem ausgebauten Dach im Altbau insgesamt einer ebenerdigen Garage, drei Etagen und einem Dachgeschoss entsprechen. Bedenkt man, dass beide Häuserhälften durch ein Treppenhaus erschlossen werden, das schöne Historische und Denkmalgeschützte des Altbaus, wird die Brisanz der Aufgabe deutlich. Lichtenberg hat sie brillant gelöst, indem er zwei Geschosse des Neubaus zu einer hundert Quadratmeter großen Maisonette verschmolz, die auf zwei Etagen Erstaunliches zu bieten hat: Wohn-, Essbereich und Küche unten, oben, wie auf einer Empore, das Schlafzimmer zum hinteren Garten hin mit einer über zwei Etagen durchlaufenden Glasfront. Lichtenberg nennt das eine "offene Schlafzimmerlösung". Außerdem auf dieser Etage: Arbeitszimmer und Bad.

Hatte sich der Neubau dem Altbau an der Straßenfront gegenüber eher untergeordnet, trumpft er zum Garten hin auf: Großzügige Balkone und riesige Fensterflächen öffnen die Fassade, die mit ihrem satten Tomatenrot auf den Backsteinton des Altbaus antwortet. "Das ist klar, macht aber den historischen Bau nicht platt", sagt der Architekt. So muss das sein.

Informationen zum Tag der Architektur: www.aknw.de (NRW) und www.diearchitekten.org (Rheinland-Pfalz). Beide Bundesländer bieten Apps an, die im iTunes-Store und bei Google Play heruntergeladen werden können. Außerdem kann man Broschüren online bestellen.