Der internationale Terrorismus

Die Spuren Al-Kaidas führen nach Bonn

Auch zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September gilt die Stadt als Treff und Wohnort für Islamisten.

Bonn. Als am 11. September 2001 die Twin-Towers in New York einstürzten, sollte nur wenige Tage später auch Bonn ins Visier der Ermittler geraten. Denn im Studentenwohnheim der Bonner Uni in der Poppelsdorfer Kirschallee hatte einer der Todespiloten, der Al-Kaida-Terrorist Marwan Al-Shehhi, 1999 ein halbes Jahr gewohnt, bevor er zu seinem Kampfgefährten und späteren Todespiloten Nummer eins, Mohammed Atta, nach Hamburg zog.

Schon drei Jahre bevor er als Student der Uni Bonn immatrikuliert war, hielt sich Al-Shehhi in Bonn auf: 1996 soll er mindestens vier Monate auf dem Heiderhof gewohnt und im Goethe-Institut Deutsch gelernt haben. Seine Vermieter beschrieben damals den Mann, der 1978 in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren wurde, als still, höflich und verschlossen.

"Die Spur der Terroristen führt nach Bonn", "Netzwerke, die im Namen Al Kaidas handeln", "Hochburg von Islamisten" - in die Schlagzeilen ist Bonn seit 2001 immer wieder geraten. Zuletzt noch Anfang des Jahres in dieser Zeitung, die geheime Dokumente des Landeskriminalamts zitierte.

In ihnen wird Bonn dargestellt als bundesweit bekannter Treff und Wohnort von Islamisten und Dschihadisten, von radikalen Muslimen also, die den islamischen Staat propagieren und diesen notfalls auch mit dem heiligen Krieg, dem Dschihad errichten wollen. Und die Verbindung zum Terrornetzwerk Al-Kaida ist eng bei einigen in Bonn aufgewachsenen Männern wie dem mittlerweile ums Leben gekommenen Bekkay Harrach und den Brüdern Yassin und Mounir Chouka.

Groß war der Wirbel 2003, als das ARD-Nachrichtenmagazin "Panorama" über islamistische Umtriebe in der König-Fahd-Akademie in Lannesdorf berichtete. Der Godesberger Stadtteil galt schon damals als Wohnort konservativer Muslime aus dem arabischen Raum. Die Akademie, eine Schule des saudi-arabischen Staates für ausländische Kinder, war nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes aber auch Treffpunkt von Extremisten, die Verbindungen zu Al Kaida unterhielten.

In der Moschee der Akademie wurde zum heiligen Krieg aufgerufen, wie Kamera-Aufnahmen belegten, dort wurden Spenden für das Terrornetzwerk gesammelt, dort, so stellten die Behörden fest, unterrichtete man die Schüler aber auch mit Büchern, die juden- und christenfeindliche Aussagen enthielten. Daraufhin zog die Bezirksregierung Köln der Schulleitung die Daumenschrauben an. Die Islamisten-Szene musste sich bald andere Treffpunkte in Bonn suchen.

Denn dass die Stadt seitdem nicht an Anziehungskraft für radikale und zum Teil auch gewaltbereite Muslime verloren hat, zeigte sich in den Folgejahren: Die Strukturen der Szene seien im Verhältnis zu anderen deutschen Städten überproportional groß, sagte Bonns Polizeipräsident Wolfgang Albers 2004. Immer wieder stießen die Ermittler auf Männer mit Verbindungen zu Al Kaida. Noch im vorigen Jahr hieß es in Polizeikreisen auf die Frage, weswegen gerade Bonn eine solche Anziehung auf radikale Muslime habe: "Es gibt hier ein gutes Netzwerk für Islamisten."

Vor allem 2005 schwappte eine Welle von polizeibekannten Islamisten nach Bonn: In geheimen, dem GA vorliegenden Berichten des Landeskriminalamtes werden konkret sieben Personen mit Alter und Adresse aufgelistet, die sich bis dato in Hamburg in der mittlerweile geschlossenen Al-Quds-Moschee trafen und "Verbindung zu den Attentätern des 11. September hatten".

Auch aus Ulm kam 2005 eine Gruppe von Islamisten an den Rhein, nachdem das bayerische Innenministerium das dortige Multikulti-Haus in Neu-Ulm geschlossen hatte. Dieses galt als Treffpunkt unter anderem von Al-Kaida-Leuten wie Mamdouh Mahmud Salim, damals mutmaßlich Osama bin Ladens Finanzchef, und Todespilot Mohammed Atta.

Dass Bonn, wo rund 30 000 Muslime friedlich leben, so attraktiv für religiöse Fanatiker wurde, hatte viel mit der Fahd-Akademie zu tun, sind sich Kenner der Islamisten-Szene einig. Um die 1995 erbaute Akademie ist es längst ruhig geworden, und ihre Tore stehen auch Nichtmuslimen offen. Doch in den Anfangsjahren lockte die vom saudi-arabischen Staat erbaute Schule viele streng religiöse Muslime an.

Aber auch andere, überwiegend arabische Moscheen in Bonn galten noch vor nicht allzu langer Zeit als Treffpunkte extremistischer Muslime. Der in Tannenbusch aufgewachsene Bekkay Harrach beispielsweise verkehrte als Jugendlicher in der Fahd-Akademie und saß 2006/2007 im Vorstand der Ar-Rahma-Moschee in Lannesdorf, bevor er sich als Gotteskrieger ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet absetzte, von wo aus er auch als Propagandist Al-Kaidas agierte.

2010 kam dann die Nachricht von seinem Tod - übermittelt von den in Kessenich aufgewachsenen Brüdern Chouka, die bis heute mit Drohbotschaften via Internet vom pakistanischen Waziristan aus versuchen auf sich aufmerksam zu machen. Yassin und Mounir Chouka besuchten vor ihrer Abreise in den "heiligen Krieg" die Al-Muhsinin-Moschee am Schwarzen Weg in Beuel ebenso wie die Al-Muhajirin-Moschee in der Theaterstraße.

Harrach und die Chouka-Brüder waren nicht die einzigen Dschihadisten, die von Bonn aus in den Kampf zogen. Das Landeskriminalamt geht in einem Bericht von 2010 von "175 möglichen Angehörigen des islamistisch-terroristischen Spektrums" aus, der Bonner Polizeipräsident Albers sieht aber "lediglich einen kleinen harten Kern im unteren zweistelligen Bereich als tatsächlich gewaltbereit an". Dass junge Muslime und Konvertiten auch auf Islamseminaren in Bonn von Predigern mental auf ihren Kampf vorbereitet wurden und werden, gilt den Ermittlern als sicher.

In dem Zusammenhang tauchte häufig die Gruppe "Die wahre Religion" auf, deren beide Masterminds Ibrahim Abou-Nagie aus Köln und Abu Dujana aus Bonn vor allem via Internet missionieren und zum Islam bekehren. Gegen Abou-Nagie läuft seit April ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Köln wegen Aufforderung zu Straftaten und Störung des religiösen Friedens.

Eine Anklageerhebung wird gerade angefertigt, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft jetzt dem General-Anzeiger. "Die wahre Religion", bei der bis 2009 auch Skandal-Prediger Pierre Vogel mit Wohnsitz Bonn agierte, machte im Dezember 2010 Schlagzeilen, weil sie in der Moschee am Schwarzen Weg ein Islamseminar veranstalten wollte. Der Druck wurde jedoch so groß, dass die Moschee das Seminar abblies, die Gruppe nach Mayen in der Eifel auswich.

Dort pries der neue Star der deutschen Dschihadisten-Szene, Abu Maleeq, "geläuterter" und zum Islam konvertierter Gangsta-Rapper, den heiligen Krieg. Zu sehen waren diese Szenen auf You-Tube. Abu Maleeq kommt aber auch nach Bonn, um hier "Dawah zu machen", sprich zu missionieren. Zuletzt noch war er Anfang Juli Gastprediger bei einer Grillfete, organisiert vom Bonner Verein Dar-ul-Huda, der über dschihadistische Internetseiten bundesweit zu seinen Freizeitveranstaltungen einlädt, bei denen Frauen und Männer streng getrennt voneinander sind.

Wes Geistes Kind Abu Maleeq ist, belegt nicht zuletzt ein aktuelles Video im Internet, in dem der ehemalige Rapper Terrorfürst Osama bin Laden nach seinem Tod als Märtyrer preist und den Dschihad verherrlicht. Auch Pierre Vogel gedachte seiner in einem Totengebet. Zurzeit soll Vogel alias Abu Hamza in Saudi-Arabien weilen, um sich theologisch weiterzubilden, heißt es bei der Staatsanwaltschaft Köln.

Auch der Bonner Abu Dujana sei zu Studienzwecken im Ausland - ob zusammen mit seinem ehemaligen Weggefährten Abu Hamza, wollten die Ermittler nicht sagen. Im Internet jedenfalls demonstrieren die beiden Islamisten derzeit feixend den Schulterschluss. Und ihr Aufruf gerade an junge Muslime verdeutlicht die neue Strategie: "Wenn euch die Moscheen rauswerfen, macht Dawa (missioniert) in euren Wohnungen." Auch in Bonn wird dabei islamistisches Gedankengut unter die Leute gebracht.