Die Beichtmutter der Bonner Republik

Unvergessen: Ria Maternus mit US-Präsident Ronald Reagan bei einem Empfang im Jahre 1982.

Bad Godesberg. Vor genau zehn Jahren starb im Alter von 87 Jahren die wohl bekannteste Bonner Gastronomin der Nachkriegszeit Ria Maternus.

Der Name ihres gleichnamigen Weinhauses in der Löbestraße ist eng mit der Geschichte der Bonner Republik verknüpft. „To Ria Maternus - with warm wishes and best regards. Ronald Reagan", schrieb der ehemalige US-Präsident 1982 ins Gästebuch. Nicht nur die Bonner Polit-Prominenz war bei ihr zu Gast, auch der internationale Politik-Adel gab sich die Klinke in die Hand: Truman, Eisenhower, Kennedy, Nixon, de Gaulle - sie alle tranken und feierten in dem kleinen, von außen eher unscheinbaren Weinhaus gleich gegenüber des Godesberger Bahnhofs.

Hier schmiedeten Adenauer und Ludwig Erhardt Koalitionspläne, Helmut Schmidt und Horst Ehmke dinierten zu Zeiten der sozialliberalen Koalition und Willy Brandt feierte hier seinen 60. Geburtstag. Dieser stand bei der katholischen Klosterschülerin aus Neuwied hoch in ihrer Gunst, bis er sich von seiner Frau Rut scheiden ließ, die fortan bevorzugt wurde.

Als Ria am 13. Oktober 1974 ihren 60. Geburtstag feierte, gaben sich nicht nur die Altvorderen der Koalition die Ehre, auch die Opposition, unter anderem vertreten durch den kurz zuvor zurückgetretenen CDU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel, war fröhlich mit dabei.

Stammgast Barzel war es auch, der nach dem Tod von Ria Maternus konstatierte: „Hier tagte die größte Koalition, die es in der Bonner Republik je gab." Helmut Kohl samt Gefolge mochte „Ria" nicht, ein Grund, weswegen die Schwarzen irgendwann lieber beim legendären Bruno Pierini auf der Cäcilienhöhe ihre "Pasta-Connection" pflegten.

Das Haus war Nachrichtenbörse, zuweilen auch Jahrmarkt der Eitelkeiten. Aber die Wirtin war diskret. Viele Gäste sahen in „Ria", die mehrere Semester Medizin und Jura studiert hatte und einige Zeit mit einem Schweizer Anwalt verheiratet war, eine Art Beichtmutter. Freundschaft war ihr Lebenselixier. Als Rheinländerin hatte sie eine natürliche Abwehr gegen politische Verbohrtheit. Zu ihrem 60. Geburtstag wurde ihr von Bundespräsident Walter Scheel, einem „Maternus"-Stammgast, das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Schon vom Alter gezeichnet, lief die Wirtin der Republik am Rosenmontag 2001 noch einmal zu großer Form auf. „Sie tanzte auf den Tischen", erinnerte sich Rut Brandt in ihren Memoiren - wie so oft, möchte man ergänzen. Michail Gorbatschow, letzter Staatspräsident der Sowjetunion, machte als einer der letzten internationalen Polit-Größen kurz vor Rias Tod noch einmal als Privatmann seine Aufwartung. Was die legendäre Gastronomin im Lauf ihrer Gastwirtinnen-Zeit alles mitbekommen hat - der Verfassungsschutz würde sich sicher die Finger schlecken. Lukrative Angebote großer Medienkonzerne hat sie stets abgelehnt.

„Deshalb ist Ria Maternus so etwas wie ein nicht geschriebenes Buch der Nachkriegsgeschichte gewesen“, schrieb Norbert Blüm anlässlich ihres Todes. „In ihrem lauten Lachen und verschmitzten Lächeln, in ihren freundlichen Augen und in ihren herzlichen Umarmungen waren mehr als nur verbale Botschaften enthalten. Und wenn es sein musste, tanzte sie auf dem Tisch. Jetzt wird sie mit dem lieben Gott tanzen. Denn, so vermute ich, sie glaubte immer an den 'lieben' Gott."

Kurz vor ihrem Tod adoptierte sie ihren langjährigen Küchenchef Erwin Drescher, der 1969 im „Maternus" anheuerte und das Lokal weiterführt. Seit dem Berlin-Umzug lässt sich, neben vielen Stammgästen, nur noch die Polit-Prominenz blicken, die in Bonn geblieben ist. Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm, die Clements, Horst Ehmke, um nur einige zu nennen.

Kürzlich war der ehemalige WDR-Intendant und „Bericht aus Bonn"- Chef Friedrich Nowottny zu Gast und ließ für eine Gruppe der Konrad-Adenauer-Stiftung noch einmal Erinnerungen an die alten Maternus-Zeiten Revue passieren. Bevor er das Haus verließ, blätterte er mit Erwin Drescher noch in einem Fotoalbum mit Bildern anlässlich Rias 60. Geburtstag, den er - ausgelassen wie alle anderen - vehement mitgefeiert hatte.