Fluch oder Segen

Die Beethovenhalle und der Denkmalschutz

BONN. Franz-Josef Talbot weiß, dass er sich mit seiner Arbeit nicht nur Freunde macht. In Schal und Mantel steht er vor der Beethovenhalle, um die ein kühler Wind pfeift, und schaut etwas skeptisch drein. Es ist ein Vororttermin mit dem General-Anzeiger. Die Frage an Talbot lautet, was denn eigentlich so bemerkenswert sei am Außengelände der Halle, dass es demnächst zum Baudenkmal erklärt werden soll?

Dieser "Parkplatz mit Zirkuswiese", wie der Verein Haus & Grund spottet. Und ausgerechnet jetzt, wo diskutiert wird, ob hier ein Beethoven-Festspielhaus gebaut werden soll? Das kann Franz-Josef Talbot, der Leiter der städtischen Denkmalschutzbehörde, mit Begeisterung erklären. Er ist ein Mann, der seine Stadt kennt und liebt; ihre Geschichte, ihre Steine, ihre Orte.

Die 1959 von Siegfried Wolske vollendete Beethovenhalle sei bewusst auf einem sehr großen Grundstück errichtet worden, sagt er. Es sei darum gegangen, die Besucher "aus der steinernen Stadt heraustreten" und den Weg zur Halle zu einem "Teil der Gesamtinszenierung" werden zu lassen.

Die Anlage ist heute zwar reichlich lädiert, mit geplatzten Gehwegplatten, beschädigten Sitzbänken und verfüllten Wasserbecken, die längst als schnöde Baumscheiben dienen. Aber Talbot erkennt immer noch das Konzept des Landschaftsarchitekten Heinrich Raderschall, die Anlage auf die Architektur der denkmalgeschützten Beethovenhalle "reagieren" zu lassen. Das "leicht modellierte Gelände" mit geschwungenen Wegen und Baumgruppen, die Akzente setzen, dem begrünten Parkplatz und der Autovorfahrt zum Halleneingang seien typisch für die 50er Jahre.

Den Baustil einer Epoche zu konservieren - genau das ist Kernziel der Denkmalschutzbehörden in NRW und anderswo. Wunderschöne Gründerzeitviertel wie die Bonner Südstadt sähen heute wahrscheinlich ganz anders aus, wenn es den Denkmalschutz nicht gäbe. Er verursacht allerdings auch überall im Land immer wieder Konflikte mit Bauherren, Investoren und Stadtentwicklern.

In Solingen etwa wurde jahrelang um einen Einzelhandelspavillon gestritten, der einem Einkaufszentrum im Weg war. Weil die Stadt sich mit den Denkmalschützern nicht einigen konnte, schaltete sie das NRW-Bauministerium als oberste Denkmalbehörde ein. Das Ministerium erlaubte 2011 den Abriss der Stahl- und Glaskonstruktion aus den 1950ern. Heute steht das Einkaufszentrum, in das rund 100 Millionen Euro investiert wurden.

Abriss und Neubau plante man beim Kölner Schauspielhaus am Offenbachplatz. Engagierte Denkmalschützer starteten aber ein Bürgerbegehren zur Rettung des Gebäudes, dem sich der Kölner Rat 2010 anschloss. Jetzt wird das Schauspiel zusammen mit der benachbarten Oper aufwendig saniert. In Siegburg wurde 2007 das alte Fassbender-Haus am Markt zu einem Geschäfts- und Wohnhaus umgebaut. Nach dem Kauf des Gebäudes durch eine Investorengruppe war jedoch ein mittelalterlicher Gewölbekeller entdeckt worden. Der musste ebenso erhalten bleiben wie die unter Denkmalschutz stehende Fassade, die von beiden Seiten abgestützt werden musste. Die Planungen zogen sich in die Länge. Es dauerte Jahre, bis der Umbau endlich begann.

Ein teures Nachspiel hat der Denkmalschutzstreit um das frühere Metropol-Kino am Bonner Marktplatz. Die Stadt hatte den Eigentümern den gewünschten Umbau untersagt, gestützt auf die Einschätzung Talbots und des Landesamtes für Denkmalpflege im Rheinland (siehe rechts). In einem jahrelangen Rechtsstreit setzten sich die Investoren vor Gericht durch - und verlangen nun rund fünf Millionen Euro Schadensersatz von der Stadt.

Seit 2012 steht auch die Bad Godesberger Stadthalle samt Außengelände unter Denkmalschutz. Das Gebäude ist so marode, dass die Kommune irgendwann eine Millionensumme investieren muss. Der Denkmalschutzstatus werde die Sanierung aber nicht wesentlich verteuern, meint Stadtkonservator Talbot.

Mehr als fünf bis zehn Prozent mache das nicht aus: "Da fallen andere Kosten wie Brandschutz oder Elektrik viel stärker ins Gewicht." In Bonn stehen laut Talbot rund 4200 Baudenkmäler unter Schutz. Bis zum Jahr 2005 seien jährlich etwa 300 hinzugekommen; jetzt seien es noch zehn bis 15 im Jahr, weil die Epoche der 1950er weitgehend abgearbeitet sei. "Wir könnten nun anfangen, Bauten aus den 60ern unter Schutz zu stellen."

Jetzt ist aber erst das Außengelände der Beethovenhalle zwischen Theaterstraße, Welschnonnenstraße und Wachsbleiche an der Reihe - und zwar bis hinunter zum Rheinufer, das ebenfalls von Raderschall gestaltet wurde. Vom Fluss her biete sich die Hauptansicht auf die Beethovenhalle, und die müsse freigehalten werden, argumentiert Talbot.

Man merkt ihm an, dass er dem Antrag des Rheinischen Landesamtes, das Gelände in die Denkmalliste einzutragen, lieber heute als morgen nachkommen würde. Doch Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch hat vor kurzem gemeinsam mit dem Post-Konzern angeregt, den Bau eines Festspielhauses neben der Beethovenhalle zu prüfen.

Wo genau könnte das stehen? "Davon habe ich keine Vorstellung", sagt Stadtkonservator Talbot. Man müsse schauen, wie das Projekt unter den Bedingungen des Denkmalschutzes realisierbar sei. Es werde eine politische Debatte geben, in der Interessen abgewogen und Kompromisse gefunden werden müssten.

Sobald klar sei, wie groß das Festspielhaus werden soll, werde die Denkmalbehörde ihre Position formulieren, dann auf einen Architektenentwurf warten. "Wir sind keine Verhinderer", betont Franz-Josef Talbot. "Wir begleiten Veränderung."

Denkmalbehörden

Oberste Denkmalbehörde ist in NRW das Bauministerium; obere Denkmalbehörden sind die Kreise und Bezirksregierungen. Den Eintrag in die Denkmalliste nimmt die kommunale Untere Denkmalbehörde vor, die sich dazu mit dem Denkmalpflegeamt "ins Benehmen" setzt. Letzteres hat eine fachliche, beratende Funktion. Für die Region zuständig ist das Amt für die Denkmalpflege im Rheinland beim Landschaftsverband. Die Denkmaleintragung kann von Amts wegen oder auf Antrag des Eigentümers oder des Landschaftsverbandes erfolgen.