Interview mit Prof. Wolfgang Maier

Der Direktor über die Zunahme psychischer Erkrankungen

Wolfgang Maier ist Professor an der Uni Bonn.

BONN. Der Evangelische Kirchenkreis beschloss kürzlich, mehr Krankenhausseelsorge zu finanzieren, weil Sucht und psychische Erkrankungen dramatisch zugenommen hätten. Mit Professor Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn, sprach Ebba Hagenberg-Miliu.

Nehmen Sucht und psychische Erkrankungen derzeit auch in Bonn überhand?
Wolfgang Maier: Ja und Nein. Es findet sich in der Bevölkerung keine Zunahme von psychischen Beschwerden und Erkrankungen. Das hat der 2011 durchgeführte Deutsche Gesundheitssurvey des Robert Koch Instituts klar ergeben. Andererseits wird aber von den Betroffenen, vom Gesundheitssystem und der Öffentlichkeit anders damit umgegangen: Es gibt 74 Prozent mehr Arbeitsunfähigkeits-Fälle und -Tage sowie Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen. Die Zahl der Kontakte mit dem Gesundheitssystem wegen psychischer Krankheiten hat ebenso zugenommen. Ärzte diagnostizieren solche Erkrankungen offenbar auch öfter.

Das heißt, heutzutage gehen wir offener mit dem Thema um?
Maier: Ja. Psychische Erkrankungen wurden früher sehr oft als beschämende Schwächezustände wahrgenommen und erlebt. Die Entstigmatisierungs-Kampagnen haben dieses schiefe Bild zurechtgerückt. Es handelt sich um medizinische Krankheiten wie andere auch.

Wie stellt sich die aktuelle Verteilung psychischer Erkrankungen altersmäßig dar?
Maier: Bei etwa gleicher altersspezifischer Gesamthäufigkeit in der Bevölkerung nehmen psychische Erkrankungen im frühen Erwachsenenalter eher leicht zu, nach dem 60. Lebensjahr leicht ab. Ersteres könnte mit verändertem Suchtmittel- und Drogenkonsum zusammenhängen; letzteres ist vielleicht auf den gesünderen Lebensstil zurückzuführen. Aber das sind zunächst nur Vermutungen.

Verlieren jüngere Menschen heute häufig die Koordinaten ihres Lebens?
Maier: Verluste von Lebenskoordination sind ja Sinnkrisen und gehen mit existenziellen Unsicherheiten in den Lebenszielen einher. Daraus kann Risikoverhalten wie vor allem Suchtmittelgebrauch resultieren. Die Chancen sind beim Berufseinstieg bei steigenden Anforderungen und abnehmenden Sicherheiten an vielen Stellen weniger günstig als früher, was vermehrt zu Enttäuschungen, Frustrationen und Gefühlen von Unzulänglichkeit führen kann. Das ist ein Nährboden für psychische Störungen wie Angst oder Depression.

Wie viele psychisch Erkrankte gehen denn in Behandlung? Wie viele kommen schließlich zu Ihnen in die Kliniken?
Maier: Bei einer breiten Definition dieser Erkrankungen erleidet ein Drittel der Erwachsenen innerhalb eines Jahres eine psychische Störung. Frauen etwas häufiger als Männer. In Deutschland suchen etwa 40 Prozent davon ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe, am meisten beim Hausarzt. Von den psychisch Erkrankten werden zirka fünf Prozent stationär im Krankenhaus behandelt.

Sie sagen, eine akute Psychose sei eigentlich gut zu heilen. Wie gehen Sie vor?
Maier: Die akuten Symptome lassen sich heute meist, aber nicht immer, sehr schnell und nebenwirkungsarm therapieren. Die zugrundeliegenden Ursachen sollten auch behandelt werden; da reicht die medikamentöse Therapie natürlich nicht aus. Hierfür sind längerfristige Behandlungsprogramme nötig, die auch Psycho- und Soziotherapien beinhalten.

Und was sind die schwer behandelbaren Fälle?
Maier: Die von Menschen mit chronischen psychischen Störungen. Das Therapieziel ist hier auch eine möglichst weitgehende Wiederherstellung der Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben und die Herbeiführung einer trotz Krankheit zufriedenstellenden Lebensqualität. Therapie muss hier letztlich auch zur Sinnstiftung und Neuausrichtung der Lebensziele dienen und dem Patienten die hierzu erforderlichen Fertigkeiten vermitteln.

Ist es so, dass man in Bonn auf Therapieplätze lange warten muss?
Maier: Es kommt auf die Therapie an. Zunächst finden Notfälle immer einen Behandlungsplatz: über Notaufnahmen der Kliniken und durch den Notdienst niedergelassener Kollegen. Längerfristige Therapien, vor allem solche gemäß der rigiden Rahmenbedingungen der Richtlinienpsychotherapie, müssen vorbereitet, geplant und beantragt werden. Hier gibt es oft Wartezeiten, insbesondere wenn die Anzahl der ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten nicht bedarfsgerecht ist. Solche speziellen Therapien sind aber auch nicht für jeden psychisch Kranken indiziert und werden nur von einem kleineren Anteil wahrgenommen. In der Bundesstadt Bonn ist das Behandlungsangebot von Fachärzten und Therapeuten - trotz mancher Engpässe - viel zahlreicher und breiter angelegt als in vielen anderen Städten oder gar auf dem Land.

Zur Person

Professor Wolfgang Maier, 64, hat Mathematik, Volkswirtschaftslehre und Humanmedizin studiert. Er war leitender Oberarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik Mainz. Seit 1995 ist er Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Bonn. Maier ist Herausgeber von Fachzeitschriften und unter anderem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.