Das Zelt Gottes mit aktuellem Bezug

<b>Wöchentlich wechseln </b>die Krippenszenen in Sankt Marien. Die 45 Zentimeter großen Figuren werden von Karl Josef Dreesen im neuen Jahr wieder anders gestellt.

<b>Wöchentlich wechseln </b>die Krippenszenen in Sankt Marien. Die 45 Zentimeter großen Figuren werden von Karl Josef Dreesen im neuen Jahr wieder anders gestellt.

Karl Josef Dreesen hat die Krippe von Sankt Marien vor dem Hintergrund der Gemeindereform gestaltet

Bonn. Die Eskimofrau bringt eine Felldecke zur Krippe. Der Chinese schenkt dem Jesuskind Körbe voll Baumwolle, und die Afrikanerin hat Bananenstauden mitgebracht. Mit dieser internationalen Holzfiguren-Schar hat Karl Josef Dreesen das Weihnachtsbild der Krippe in Sankt Marien gestaltet.

Die 45 Zentimeter großen Figuren stammen aus der Nachkriegszeit, so Dreesen: "Pastor Bernhard Wachowsky hatte der Pfarrjugend den Auftrag gegeben, eine Krippe nach dem Motto: «Völker aller Nationen wandern zum Kind» zu gestalten." Die damals ungewöhnliche Idee einer multikulturellen Gesellschaft sei heute aktueller denn je.

Zeitgenössische Themen aus Politik, Wirtschaft und Kirche inspirieren den 64-jährigen pensionierten Feinmechanikermeister zu seinen wöchentlich wechselnden Krippenszenen. Seit 1986 entwirft Dreesen die Krippe im linken Seitenschiff der neogotischen Kirche und betont: "Sie hat für mich nicht nur mit der 2 000 Jahre alten Geschichte zu tun, sondern vor allen Dingen mit dem Zusammenleben der Menschen in der Gegenwart. Und damit, was sie bewegt."

Sein Leitmotiv in diesem Jahr war die Strukturreform des Erzbistums Köln - was man der Krippe auch ansieht. "Ich verknüpfe das Bild von der neuen Stadt, dem himmlischen Jerusalem, mit der Situation hier, heute, jetzt. Parallelen zur neuen Gemeindebildung sind denkbar", sagt Dreesen.

Unter dem "Zelt Gottes" - einem alle Figuren überspannenden, schneeweißen Tuch - ist die Szene langsam gewachsen. Und weil Dreesens Krippen interaktiv sind, hat er die Gemeindemitglieder dabei mit eingebunden: "Nach dem Gottesdienst am zweiten Advent habe ich die Leute aufgefordert, Begriffe dafür zu finden, was die Stadt Gottes mit uns zu tun hat", erinnert er sich.

Viele haben mitgemacht. Mit Schreibbrettern auf den Knien und Textmarkern in der Hand haben sie sich auf die Kirchenbänke gesetzt und ihre Gedanken niedergeschrieben. All diese Worte bilden - auf Ziegelsteine geklebt - das Fundament der Krippe: "Gewachsene Heimaten nicht zerschlagen" ist da zu lesen. Oder "Veränderung tut Not und braucht Loslassen und Behutsamkeit".

Wer genau hinsieht, entdeckt inmitten der Szene zwei wie aus dem Gemeindeleben gegriffene Figuren in sakraler Kleidung: Die beiden fein geschnitzten Hauptamtlichen stellen dem Jesuskind gerade Pläne aus dem Seelsorgebereich vor. "Ursprünglich hatten sie auch noch einen Bonner Stadtplan dabei", sagt Dreesen und zeigt lächelnd auf einen Papierflieger, der im Moos am Rande der Krippe liegt: "Hier hat wohl ein Kind gebastelt."

Bis zum 3. Januar kann man das Weihnachtsbild besichtigen, danach zeigt Dreesen eine neue Szene mit den Heiligen drei Königen. Noch hängen deren Figuren in einem Wandschrank in der Obersakristei. Säuberlich auf Schieberahmen aufgehängt, warten Caspar, Melchior und Balthasar auf ihren Einsatz. An der Schrankwand daneben lehnen die Holzsterne der Sternsinger.