Das Agnes-Seniorenheim in Bonn-Castell muss schließen

Hiobsbotschaft trifft 40 zum Teil schwer Pflegebedürftige - Stadt befürchtet auch in anderen Häusern Finanznöte

Bonn. Maria T. (Name geändert) ist völlig aufgelöst. Vor wenigen Tagen hat die Bonnerin erfahren, dass das private Seniorenheim Sankt Agnes-Domizil in Bonn-Castell Ende Juni seine Pforten schließt und alle 40 Bewohner, darunter 35 Pflegebedürftige, eine neue Bleibe suchen müssen.

Maria T. hat erst vor wenigen Wochen ihre hochbetagte Mutter dort untergebracht. Das vor neun Jahren von der Diakonie Michaelshoven eröffnete Domizil im ehemaligen Agnes-Stift habe exakt den Vorstellungen ihrer Mutter entsprochen: Die betreuten Wohnungen seien großzügig geschnitten, das ganze Ambiente stimme.

Jetzt ist die Bonnerin, die ihren Namen aus Sorge um die Gesundheit der Mutter nicht in der Zeitung lesen will, wie vor den Kopf gestoßen: "Meine Mutter ist nervlich am Ende", erklärt sie, "denn wie sollen wir auf die Schnelle eine andere, vor allem adäquate Unterkunft finden?", fragt sie sich. Und: "Das Problem war doch bestimmt schon lange abzusehen. Das hätte man uns vor der Vertragsvereinbarung sagen können", sagt sie.

So wie diese Angehörige meldeten sich am Montag auch andere Betroffene sichtlich fassungslos beim General-Anzeiger und machten ihrem Ärger über die überraschende Hiobsbotschaft vom Aus für das noble Altenheim Luft.

Sie kritisierten vor allem die Informationspolitik des Geschäftsführers Jörg Schmitz, der die alten Leute quasi ohne Vorwarnung über die Schließung informiert habe. Der Gipfel sei: Noch drei Tage vorher sei ein Senior eingezogen.

Schmitz erklärte auf GA-Nachfrage, für das Haus habe es keine positive Zukunftsprognose mehr gegeben. Die Auslastung sei dramatisch gesunken, sie liege bei gerade einmal 64 Prozent. Das sei für ein Heim, in dem ausschließlich Selbstzahler wohnten, noch nicht einmal mehr kostendeckend.

Es habe bis zuletzt Versuche gegeben, das Haus zu retten. Etwa über eine Änderung des im nächsten Jahr auslaufenden Mietvertrages. Vergeblich. Auch konnte kein anderer Betreiber gefunden werden. "Wir müssen deshalb den Betrieb stilllegen", begründete er die Entscheidung des Trägers - der Diakonie Michaelshoven.

Für den Unmut der Bewohner habe er vollstes Verständnis, sagte er. "Wir lassen keinen im Stich, sondern unterstützen alle bei der Suche nach neuen Plätzen", versicherte der Geschäftsführer.

Ihre Hilfe hat auch die Stadt Bonn angeboten. Dieter Liminski hat als Leiter des städtischen Sozialamtes die Heimaufsicht über alle Seniorenheime und bemüht sich, den Agnes-Bewohnern ebenfalls schnellstmöglich alternative Plätze bereitzustellen. Allerdings gehöre das Agnes-Domizil zu den edleren Adressen. Diesen Standard könnten die städtischen Häuser nicht bieten.

"Im Moment geht der Trend zur ambulanten Pflege", sagte er. Das bleibe nicht ohne Folgen für die Heime. Liminski befürchtet deshalb, dass noch weitere Häuser in die wirtschaftliche Schieflage geraten könnten. Gerade erst habe er einem Investor dringend davon abgeraten, in Bonn ein neues Seniorenheim zu errichten. "Dafür sehen wir im Moment keinen Bedarf, eine Refinanzierung der Plätze kann ich deshalb nicht zusichern."

Allerdings: Nach einer Prognose seines Amtes wird der Bedarf nach Heimplätzen aufgrund der demografischen Entwicklung ab 2013 wieder steigen.. Ob davon auch die hochpreisigen Häuser profitieren, kann derzeit aber noch niemand voraussagen.

Für die rund 30 Mitarbeiter des Agnes-Domizils sollen Arbeitsplätze innerhalb der Diakonie Michaelshoven gefunden werden, so Schmitz. Allerdings befinden die sich vornehmlich in Köln. Wem das zu weit entfernt sei, der finde sicherlich in Bonn einen neuen Job, denn der Mangel an Pflegekräften bestehe nach wie vor, weiß er.

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