"1914 - Die Avantgarden im Kampf"

Bundeskunsthalle zeigt brillantes Panorama über Künstler im Ersten Weltkrieg

BONN. Der Künstler als Soldat: Otto Dix malte sich 1915 als Kriegsgott Mars und verarbeitete damit seine erschütternden Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg. Mit 300 Werken von 60 Künstlern der Moderne von Picasso bis Kirchner, Macke bis Nolde und Kokoschka bis Schiele zeichnet die Bundeskunsthalle ein Panorama der Kriegskatastrophe nach.

Die Welt kollabiert, Blitze zucken, der Boden tut sich auf, der Himmel öffnet sich in einem unheimlichen Burgunderrot, Menschen, Tiere wirbeln durch die Luft. Ein - apokalyptischer? - Reiter nähert sich. Das Ende? Wassily Kandinsky hat dieses meisterhafte Bild, das fast zu Beginn der großartigen Ausstellung "1914 - Die Avantgarden im Kampf" hängt, "Sintflut I" genannt. Er wollte das Bild aber nicht als bloßen Inbegriff der Katastrophe verstanden wissen.

Denn jeder große Untergang sei auch "ein lebendes Loblied, ein Hymnus der neuen Entstehung". Mit dem Gedanken, dass aus einer zerstörten alten Welt eine neue geistige Epoche hervorgehen könne - unter Ausblendung aller realpolitischen Kollateralschäden - konnten sich viele Künstler der Moderne anfreunden. Der Krieg als moralische Katharsis, als ästhetisches Abenteuer.

Kandinsky hat seine "Sintflut" 1912 gemalt, als von realer Kriegsgefahr noch keine Rede war. Und doch spürte man in Kunst und Gesellschaft einen offenbar nahenden Epochenbruch und -wechsel. Die Bundeskunsthalle stellt ihrem fesselnden Weltkriegspanorama als Prolog schlaglichtartig Positionen der Moderne voran, Bilder und Skulpturen der Jahre 1909 bis 1913: Pablo Picassos Kubismus und Robert Delaunays Fensterbilder, Alexej von Jawlenskys Porträtkunst und Gabriele Münters farblich und formal aufgeladene Landschaften, den Affenfries von Franz Marc und von dem auf Heiteres und Lebensbejahendes abonnierten August Macke eine befremdende Zeichnung mit dem Titel "Weltuntergang" (1913).

[kein Linktext vorhanden]Dieser Prolog führt Dreierlei vor Augen: Diesen Künstlern war es gegeben, Spannungen, die in der Luft lagen, aufzunehmen, als Seismographen gesellschaftlicher Erschütterungen; diese Künstler reagierten unglaublich vielschichtig und agierten mit dem Selbstbewusstsein einer Kunst, die sich nicht korrumpieren lässt; drittens fällt die herausragende Qualität der Leihgaben auf, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte, von Uwe M. Schneede, ehemaliger Chef der Hamburger Kunsthalle, exzellent kuratierte Schau zieht.

Wie Künstler den Krieg sahen, wie er sie und ihr Werk formte, welche Spuren dieser entsetzliche Erste Weltkrieg hinterließ, das ist das Thema der im Kern die Jahre 1914 bis 1918 umfassenden Schau. Schneede gelingt es dabei, die allgemeine Entwicklung mit Einzelpersonen und -schicksalen zusammenzubringen.

Empfangen wird der Besucher von zwei Bildern von Lovis Corinth. Da ist das 1914 gemalte "Selbstbildnis im Harnisch", das den Maler als tragischen Helden und anachronistischen Ritter zeigt angesichts eines bald mit Maschingewehren, Artillerie, Kampfgas und Fliegerbomben geführten, technisierten Krieges. Im zweiten Slevogt-Bild ist die achtlos weggeworfene Rüstung zu sehen, gemalt wurde es 1918.

Die Ausstellung folgt rund 60 Künstlern auf einem Weg, der bei düsteren Vorahnungen beginnt, eine geradezu euphorische, hoch-patriotische Phase zu Kriegsbeginn durchläuft und dann mit erschütternder Wucht in die Realität mündet, wo sich feingeistige Künstler mit Tod, Zerstörung und der Angst ums Überleben konfrontiert sehen. Es sind wahrlich verstörende Gemälde und Skizzen, die der Besucher hier erstmals in der Fülle zu sehen bekommt.

Der Ausstellung gelingt es, anhand von Arbeiten von Klee und Meidner, Grosz, Kokoschka und Kirchner zu zeigen, mit welchen Strategien Künstler dem Trauma begegneten, wie sie das Grauen dokumentierten, sich ins Symbolische oder Andeutungsweise und Abstrakte flüchteten, den Weg der Satire wählen oder erschüttert und politisiert zum Mittel agitatorischer, plakativer Kunst griffen.

Man sieht die letzten Fotos bald darauf gefallener Künstler, erlebt, wie die Überlebenden im Atelier versuchen, neue Wege zu finden oder alte wieder aufzunehmen. Und man erfährt, was im Windschatten der Katastrophe passierte: In der neutralen Schweiz trafen sich Flüchtlinge und Kriegsgegner, um die Dada-Rebellion auszurufen; in St. Petersburg malte Male-witsch sein Schwarzes Quadrat; und in der französischen Provinz entwickelte Marcel Duchamp sein Ready Made: Drei Erfindungen, die das 20. Jahrhundert prägen sollten.

Wer sich im Jahr 2014 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren befassen will, wird um die brillante Schau "Die Avantgarden im Kampf" nicht herumkommen.

Avantgarden im Kampf

Ausstellung: Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4; bis 23. Februar 2014. Di-Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog (Snoeck) 39 Euro

Missing Sons (Verlorene Söhne): Eine begleitende Ausstellung mit 80 Fotos und Originalen von Käthe Kollwitz dokumentiert das Thema der Vermissten vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart.

Diskussion: Über die "Kunst der Freiheit" sprechen am 13. November, 19.30 Uhr, Bundeskunsthallen-Intendant Rein Wolfs, Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp (Theater Bonn), Regisseur Milo Rau und der Journalist Till Briegleb.