Bonns neue Mitte

15 Jahre nach dem Bonn/Berlin-Beschluss wird neben dem Plenarsaal der erste Spatenstich für das Internationale Kongresszentrum vollzogen - Der Wandel im Überblick

Bonn. Kennen Sie Edwin Theodor Saemisch? Leiter der Bonner Augenheilanstalt war er, nach ihm wurde sogar eine Straße benannt. Und die ist jetzt weg, plattgemacht für das Zukunftsprojekt der Bundes-/UN-/Internationalen Stadt Bonn: das United Nations Congress Center.

Am Freitag um 12.30 Uhr erfolgt symbolisch der erste Spatenstich für das UNCC, das bereits in zwei Jahren eröffnet werden soll. Das "Kuriosum Saemisch" ist symptomatisch für das ehemalige Parlaments- und Regierungsviertel, das einem einzigartigen Strukturwandel unterworfen war. "Was da alleine in den vergangenen zehn Jahren gelaufen ist, hätte in anderen Städten mehrere Jahrzehnte gedauert", sagt der frühere Stadtbaurat Sigurd Trommer, der dem Areal den Namen "Bonner Neustadt" gegeben hat.

Alleine in den Jahren 1999 bis 2003 entstanden dort für rund zwei Milliarden Euro neue Bürogebäude für über 11 000 Arbeitsplätze - darunter der Post-Tower, der Schürmann-Bau (Deutsche Welle), T-Mobile in Beuel-Süd oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das Wort "Boomtown Bonn" stand für diese Entwicklung. Und: Seit 1991, dem Jahr des Bonn/Berlin-Umzugsbeschlusses, haben sich dort fast 100 Unternehmen und Organisationen neu etabliert.

Beeindruckend eine weitere Zahl: Der Büroflächenbestand hat sich seither nahezu verdoppelt - auf rund 900 000 Quadratmeter. Tendenz: steigend. Was auch für die Bonner Arbeitsplätze gilt: Jeder fünfte liegt inzwischen im Bundesviertel. Und hier wird denn auch der Wandel sehr augenfällig. Einige Beispiele:

  • Der Lange Eugen ist nun Mittelpunkt des UN-Campus und das Aushängeschild fürs Internationale Bonn: Das UN-Logo hat den Bundesadler auf der Fahne abgelöst.
  • Das alte Bundeshaus wird demnächst Domizil des Sekretariats der UN-Klimarahmenkonvention. 50 Millionen Euro lässt sich der Bund den Umbau kosten. 1 000 UN-Mitarbeiter können in dem Campus arbeiten; noch sind es "erst" 650. Generalsekretär Kofi Annan lobte bei der Einweihung des Campus vor zwei Monaten Bonn als einen der "attraktivsten und lohnendsten Dienstorte der Vereinten Nationen". Im nördlichen Teil des Bundeshauses haben sich die UNESCO, die World Health Organization (WHO) und die United Nations University etabliert.
  • Gleich nebenan, am alten Eingang I, prangt an der Hausfassade das Schild "Bundesrat", der dort gemäß Bonn/Berlin-Gesetz eine Außenstelle unterhält. "Regelmäßig", sagt Pressesprecher Michael Wisser, tagen dort der Umwelt-, der Agrar- und der Kulturausschuss der Länderkammer. Allerdings immer seltener: 2001 haben die Ausschüsse 20 Sitzungen in Bonn abgehalten, in diesem Jahr werden's neun sein. Gleichwohl wird der Bundesrat sein Haus, dessen Dienstzimmer laut Wisser "fast vollständig" belegt sind (auch von der ehemaligen Bundestagspräsidentin Annemarie Renger plus Mitarbeiterin), behalten. 90 000 Euro lässt sich der Bund Pflege und Unterhaltung des Gebäudes pro Jahr kosten.
  • Plenarsaal und Wasserwerk sind als Tagungsorte für Konferenzen begehrt, aber auch, zum Beispiel, für Auto- oder Schokoladen-Präsentationen. "Der Würde des Hauses angemessen" sollen die Veranstaltungen sein, fordert der Bund. Gegenüber entsteht nun das UNCC, das SMI-Hyundai-Vorstandschef Mann Ki Kim zu einem "führenden Kongresszentrum in Deutschland" machen will.
  • Im benachbarten Bundeskanzleramt hat sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit etabliert, und im Bundespräsidialamt sitzt das Bundeskartellamt. Wobei die Villa Hammerschmidt nach wie vor dem Bundespräsidenten zur Verfügung steht. Johannes Rau hat sie oft genutzt, Horst Köhler ist ab und an ebenfalls dort anzutreffen.
  • Nicht mehr wegzudenken aus dem Viertel ist die Deutsche Welle, die in den neunziger Jahren den Zuschlag für den Schürmann-Bau erhalten hatte, nachdem der Bauherr Bundestag das Weite gesucht hatte.
  • Herausragend, im doppelten Sinn, ist der Welle-Nachbar Post. Der Konzern hat mit seinem 161,5 Meter hohen Tower wahrlich eine Landmarke am Rhein gesetzt. Er symbolisiert wohl am ehesten, was in und mit Bonn passiert ist seit dem Beschluss vom 20. Juni 1991.
  • Zum Gelingen des Strukturwandels maßgeblich beigetragen hat, natürlich, auch die Telekom, die gerade gegenüber ihrer Zentrale an der B 9 einen anspruchsvollen Neubau hochzieht und somit "Telekom-City" eindrucksvoll erweitert. 12 000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern in Bonn.
  • Max-Planck-Institut, der Kindergarten "Mini-Mäuse" oder das börsennotierte Unternehmen Solarworld: in den ehemaligen Landesvertretungen erinnert nichts mehr an die frühere Nutzung dieser zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Gebäude.

Aber nicht nur an Bauten lässt sich die "Erfolgsstory Strukturwandel" festmachen. Seit dem Bonn/Berlin-Beschluss ist die Einwohnerzahl um gut 5 000 auf fast 315 000 gestiegen. Gehört Bonn zu den wenigen Städten in Deutschland mit einem Geburtenüberschuss. Liegt die Kaufkraft weit über, die Arbeitslosenquote mit 8,7 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Wurden in der Region Bonn/Rhein-Sieg rund 15 000 neue Arbeitsplätze geschaffen: Damit gehört Bonn zu den erfolgreichsten Städten in Deutschland. So sagt denn auch Wolfgang Clement, der ehemalige NRW-Ministerpräsident, er kenne "keine Stadt in Deutschland, der ein Strukturwandel derart gut gelungen ist wie Bonn"; zugleich merkt er an: "Ich hoffe, dass dieser Prozess weitergeht."

Daran arbeitet Bonn, arbeitet die gesamte Region weiter. Denn abgeschlossen ist der Prozess noch nicht. Und nicht ohne Risiko. Weshalb Rhein-Sieg-Ehrenlandrat Franz Möller vor einer zu einseitigen Ausrichtung auf die börsennotierten Großunternehmen warnt.

Schließlich weiß man, welche dramatischen Konsequenzen es nach sich zieht, wenn ein solcher "Riese" einmal aufgekauft würde. Mit dem Baubeginn für das Paradeprojekt UNCC jedoch, so viel ist klar, kommt die einstige Bundeshauptstadt wieder ein gewaltiges Stück voran. Sorry, Professor Saemisch.