Bonner Altstadt

Blütezeit der Stative: Die Kirschalleen bei Nacht

Fast zu schön, um wahr zu sein: Straßenlaternen, erleuchtete Fenster und Leuchtschilder der Kneipen tauchen die Kirschblütenpracht nachts in ganz besonders magisches Licht.

NORDSTADT. Eben war noch überall Umtriebigkeit. Unzählige Altstadt-Bewohner im Feierabend verstopften die engen Straßen auf der Suche nach einem Parkplatz für ihr Auto. Dazwischen an jeder Ecke Einheimische und Touristen mit Smartphones und kleinen Digitalkameras.

Ein sonniger Tag neigt sich dem Ende zu, ein sommerlicher sogar. Doch jetzt schlägt die blaue Stunde. Eben sind in der inneren Nordstadt, von ihren Bewohnern auch Altstadt genannt, die Straßenlaternen angesprungen. Wenn es dunkel wird, entfalten die blühenden Kirschbäume rechts und links entlang der Heer- und Breite Straße einen ganz besonderen Charme, vor allem für ambitionierte Fotografen.

Geplapper und Gelächter erfüllen die laue Luft, darunter mischt sich das Geklapper wackeliger Fahrräder auf dem Kopfsteinpflaster. Vor dem "Pawlow" hat sich, wie an jedem schönen Abend in der Altstadt, eine Menschentraube gebildet. Wenn auf den Bierbänken kein Platz mehr ist, wird eben im Stehen getrunken. Oder in den schmalen Hauseingängen entlang der Heerstraße, wo immer genau Platz ist für zwei.

Darüber ein dichtes Dach von dicken Kirschblüten-Bällen, die von den von Spinnennetzen umhüllten Straßenlaternen und von den Leuchtschildern der Kneipen mal bläulich kühl, mal dunkelpink, fast rot, erleuchtet werden. "Einfach wunderschön, diese Farbenpracht, die den Frühling einläutet", sagt Jörg Kampers.

"Mir gefällt aber vor allem das Komplementäre zur Altstadt." Der 50 Jahre alte Mann ist mit seiner digitalen Spiegelreflex-Kamera aus Holzlar gekommen. "Tagaufnahmen habe ich schon gemacht, jetzt kommen die Nachtaufnahmen." Allerdings: Er hat sein Stativ zu Hause vergessen. Aber wer würde schon einen solch schönen Abend an Reue und Missmut verschwenden?

Wenn es dunkel wird, schlägt in der blühenden Altstadt die Stunde der Stative und mächtigen Objektive. Zwar sieht man hier und da noch den verzweifelten Versuch, das Spektakel mit dem Smartphone einzufangen. Aber das gelingt im Dunkel nur mit Profi-Ausstattung und Geduld. Die bringt auch Tobias Mandt mit.

"Ich habe mir diese Stelle hier wegen des schönen Kontrastes ausgesucht, der sich aus dem kühlen tiefblauen Himmel und dem warmen Licht der Supermarkt-Beleuchtung ergibt", sagt er. Noch hat der 34-jährige Altstadt-Bewohner, der in einem Kinderheim arbeitet, den perfekten Schuss nicht getroffen. "Die Autos stören."

Stephan Pabst, der sich selbst als "ambitionierten Hobby-Fotografen" bezeichnet, ist nur für dieses nächtliche Kirschblüten-Bild am frühen Abend aus Heidelberg angereist. In ein paar Stunden geht es zurück. "Ich habe eine Nachtaufnahme im Internet gesehen und dachte 'Wow, so eins brauchst du auch'", sagt der 31-jährige Medizintechniker.

"Das ist in Deutschland einmalig." Aber es sind nicht nur die blühenden japanischen Zierblüten, die Pabst faszinieren. "Ich hätte nie gedacht, dass hier so viele Menschen sind, auch viele Touristen. Und alle sind so offen und gut gelaunt. Man wird die ganze Zeit angequatscht." Das sei eben das Rheinland, erklärt ihm Jörg Kampers, der sich neben den Heidelberger gesetzt hat.

Auf den Steinbänken an der römischen Säule vor dem Bierhaus Machold, wo sonst gerne Alkoholiker und Junkies sitzen, hat es sich eine Gruppe von jungen Menschen mit Pizza aus dem Karton gemütlich gemacht. "Die Kirschblüte ist einfach abgefahren schön", sagt Robin Schmidt. Doch vereinzelte Blütenblätter, die die Rillen zwischen den Pflastersteinen füllen, lassen schon vorausahnen, dass bald alles vorbei sein wird. Für Kurzentschlossene hat der 31-Jährige aber noch einen Tipp: "Nicht nur abends, auch am frühen Morgen ist es besonders schön." Und dann habe man die Kirschblüte ganz für sich allein.

Wer sich die Ergebnisse der Hobby-Fotografen, anschauen will, hier die Links zu den Internetseiten und Flickr-Accounts: