Bildstöcke des Industriezeitalters

Die älteste Wettersäule Deutschlands stammt aus dem Jahr 1876 und steht heute versteckt hinter der Stadthalle

Bad Godesberg. An Schönheit kann sie es nicht mit der Redoute aufnehmen, an Alter nicht mit der Godesburg. In die Reihe der bedeutenden Denkmäler gehört die Wettersäule im Stadtpark trotzdem - meint jedenfalls Albert L. Brancato.

Der Historiker aus Muffendorf hat herausgefunden, dass die 1876 aufgestellte Säule mit ihren drei Messinstrumenten für Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit als Deutschlands älteste Wettersäule gelten kann, zusammen mit der Wettersäule in Saarbrücken.

Beide sind in klassizistischem Stil gehalten, wobei die Kollegin in Saarbrücken mit Sonnenuhr und einer kleinen Weltkugel als krönendem Abschluss vielleicht ein paar Design-Punkte mehr sammeln kann.

Brancatos Zuneigung zur Bad Godesberger Wettersäule, die etwas versteckt an der Stadthalle an der Rückseite der Konzertmuschel steht, mindert das nicht. "Ich finde sie ganz toll, schön schlicht, man wird als Betrachter nicht abgelenkt", schwärmt er, um beinah philosophisch fortzufahren: "Sie lädt zum Dialog ein, sie stellt mir die Frage: Wie fühlst du dich?"

Fraglich, ob die Betrachter der ersten Wettersäulen ähnliche Überlegungen anstellten. Vielmehr bestaunte man die Säulen als Zeugen technischen Fortschritts. Sie machten möglich, was heute mit mobilem Internet gelingt - aktuelle Informationen übers Wetter zu erhalten. Die Standorte, meist prominent im öffentlichen Raum gelegen, entwickelten sich zu Treffpunkten für Hobby-Wetterkundler.

WettersäulenInsgesamt drei Wettersäulen befanden sich einmal auf (heutigem) Bonner Stadtgebiet. Nach 1876 wurde 1902 in Godesberg eine zweite Säule an der Ecke Alte Bahnhofstraße und Moltkestraße aufgestellt. 1905 zog Bonn nach und stellte eine Säule am Kaiserplatz auf. Die Wettersäule in der Alten Bahnhofstraße stand schräg gegenüber vom Café Agner und beherbergte neben den meteorologischen Instrumenten auch eine "Normaluhr". Die Kosten von knapp 3.200 Mark wurden durch Spenden aus der Bevölkerung aufgebracht. Die technischen Teile lieferte die Göttinger Firma Wilhelm Lambrecht. 1952 wurde die Godesberger "Normaluhr" abgebaut.

Die erste Wettersäule stand wohl auf Schweizer Boden, in Genf am Grand' Quai. Das war 1838. Bald gehörten Wettersäulen zum Stadtbild, galten gar als "Bildungs- und Erziehungsmittel für das Volk". Man begegnete ihnen in Parks, an Seepromenaden oder auf Plätzen. "Wenn wir Fabrikhallen als Kathedralen des aufgehenden Industriezeitalters beschreiben, dann sind Wettersäulen seine Bildstöcke", meint Brancato.

Der gebürtige US-Amerikaner ist seiner Wahlheimat Bonn und Bad Godesberg sehr verbunden. 1977 kam er als angehender Historiker nach Bonn, um über die Geschichte der SPD zu forschen. Später arbeitete er als Übersetzer im Wirtschaftsministerium. Als Vorsitzender der Initiative "Ja zu Bonn" setzte er sich vehement für den Verbleib der Regierung in Bonn ein.

Ein umfangreicher Artikel über Wettersäulen, 2004 in der "Neuen Zürcher Zeitung" erschienen, brachte ihn auf die Idee, die Geschichte der Bad Godesberger Wettersäule zu erforschen.

1876 ergriff der damalige Godesberger "Verschönerungsverein", Vorgänger des heutigen Heimatvereins, die Initiative und gab eine Wettersäule bei einem bis dato unbekannten Handwerksbetrieb in Auftrag.

Ergebnis war ein Obelisk aus rotem Sandstein auf einem viereckigen Podest. Die Säule ist mehrfach umgezogen und stand zuerst an der damaligen Gartenmauer der Redoute. Kurgäste konnten sich auf dem Weg zum Mineralbrunnen bequem über das Wetter informieren. 1904 wurde die Säule zum Mineralbrunnen in der Brunnenallee versetzt.

Dort befand sie sich zunächst links, ab 1954 rechts der Treppe zum Mineralbad. Als ein Jahr später die neue Stadthalle gebaut wurde, gelangte sie an ihren heutigen Platz. Gewartet werden die Messinstrumente ehrenamtlich vom Juwelier Schrottka.

Ein Nagel auf der Spitze der Wettersäule lässt Brancato vermuten, hier habe sich einmal eine "Sonne oder eine Weltkugel" gedreht. Ähnlich wie in Saarbrücken also.