Beueler Pfadfinder schuften im Township

Wellblechhütten, Gerippe von Autowracks, staubige Straßen, streunende Hunde. Gewalt, Armut und Kriminalität prägen die Townships, die Wohnsiedlungen der Schwarzen in Südafrika.

Beuel. Wellblechhütten, Gerippe von Autowracks, staubige Straßen, streunende Hunde. Gewalt, Armut und Kriminalität prägen die Townships, die Wohnsiedlungen der Schwarzen in Südafrika. "Das ist eine sehr vereinfachte Verallgemeinerung der Zustände", sagt Hannah Emde. "Wir haben auch eine andere Seite erlebt."

Die 18-jährige Abiturientin des Sankt-Adelheid-Gymnasium war mit ihrer Rovergruppe der Beueler Pfadfinder drei Wochen lang in Südafrika. Und eine Urlaubsreise war es ganz und gar nicht.

Mit zehn Rovern, also älteren aktiven Pfadfindern im Alter zwischen 17 und 22 Jahren, und den zwei Leitern Björn Krüger und Carola Emde begaben sie sich auf eine Fahrt, die Hannah und ihre Freunde tief beeindruckt hat. "Ich will nach dem Abi auf jeden Fall ein Freiwilligenjahr in Afrika machen", sagt sie.

Die Idee, etwas für afrikanische Kinder zu tun, kam der bunten Gruppe aus Schülern, Studenten, Auszubildenden und Zivildienstleistenden bei einem Grillabend vor einem Jahr, als Krüger von dem Verein Nangu Thina erzählte. Nangu Thina heißt in der Sprache der Swazi "Hier sind wir! Jetzt kommen wir".

Der Verein fördert und koordiniert Projekte der Kinder- und Jugendarbeit im südlichen Afrika, etwa ein Waisenhaus in einem Township in der Nähe von Nelspruit, einer 120 000 Einwohner großen Stadt, etwa 330 Kilometer östlich von Johannesburg und 60 Kilometer westlich der Grenze zu Mosambik.

Bis die jungen Beueler aber dorthin gelangten, mussten sie noch jede Menge arbeiten. Denn sie wollten nicht mit leeren Händen dorthin fahren. Und die Reise selbst musste auch irgendwie finanziert werden: "In den Gruppenstunden planten wir Aktionen, um Geld für unsere Fahrt und unsere Projekte in Südafrika zu verdienen.", sagt Karl Meier, der zurzeit seinen Zivildienst macht.

Ganze Wochenende gingen dabei drauf, Kekse zu backen und zu verkaufen, Fenster zu putzen, Flohmärkte zu veranstalten. Sie jobbten als Möbelpacker und verdienten Geld bei Kinderbetreuungen. Bis es endlich losging

Start war Johannesburg. Mit zwei Kleinbussen ging es zu einem Scoutcenter im weißen Südafrika. "Die riesigen Mauern mit Stacheldraht und Elektrozaun um die Häuser wirkten zwar etwas einschüchternd auf uns, aber unsere südafrikanischen Freunde machten uns das Wohlfühlen sehr einfach", so Emde. In den zwei Tagen in Johannesburg waren eher die reicheren Teile der Stadt Ziel ihrer Erkundungstouren. Sie besuchten das Apartheidmuseum und stiegen in eine Goldmine. "In dieser Zeit hatten wir hauptsächlich mit weißen Südafrikanern zu tun."

Als es nach ein paar Tagen weiter Richtung Nordosten ging, fuhr die Gruppe an vielen Lastwagen vorbei, auf deren Ladeflächen die Menschen wie eingepfercht übers Land fuhren. Oder sie nahmen die Black Taxis, überfüllte Kleinbusse. Je weiter sie Johannesburg hinter sich ließen, desto grüner wurde die Landschaft.

Besonders beeindruckt waren die Beueler von Drakensberge, mit bis zu 3 482 Metern das höchste Gebirge des südlichen Afrikas. Dort unternahmen sie eine Wanderung zu den alten Felszeichnungen der San, die als ältestes Volk Afrikas gelten und möglicherweise sogar an der Wurzel des menschlichen Stammbaums stehen. In fast jeder Höhle und unter fast jedem Felsüberhang finden sich Jahrtausende alte Darstellungen von Menschen und Tieren, von Jagd, Tanz und Ritualen.

Nach zwei Übernachtungen ging es dann zum AIDS-Waisenhaus "Siyakhula", wo die beiden Frauen Maria und Elisabeth etwa 120 HIV-infizierte Waisenkinder betreuen. Nur 14 von ihnen, die jüngsten, übernachten dort auch, alle anderen schlafen bei Verwandten, werden aber tagsüber im Waisenhaus betreut. Sie bekommen dort zu essen und ihre Kleidung.

"Die Zeit, die wir mit den Kindern verbrachten, vor allem mit den Kleinen, war unersetzbar. Es hat so viel Spaß gemacht, diese Lebensfreude und die Neugier in ihnen zu entdecken, und man merkte, wie froh sie waren, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Da wurde uns klar, wie wenig Liebe und Zuneigung diese Kinder bekamen. Aber wie war das auch möglich bei rund 120 großen und kleinen Kindern in dem Waisenhaus und zwei Leiterinnen?", so Emde rückblickend.

Aber ihre Hauptarbeit war es, etwa das Haus zu streichen, einen Fußboden herauszureißen und zu erneuern, einen Gartenzaun zu errichten und einen Kompost zu bauen. "Außerdem kauften wir von dem Geld, das wir in Deutschland verdient hatten, noch Utensilien für das Waisenhaus ein", so Hannah Emde. 4 700 Euro hatten sie verdient. "Wir haben noch viel übrig. Wir wollen aber noch weiter spenden. Das Waisenhaus braucht zum Beispiel dringend Sanitäranlagen."

Während des Siyakhula-Projektes trafen die Beueler abends auf die afrikanischen Pfadfinder, bei denen sie auch in Gastfamilien untergebracht waren. "Immer zu zweit, jeweils ein junge und ein Mädchen", so Hannah, die es selbst gut getroffen hatte. Ihre Familie hatte sogar ein Auto und ein eingezäuntes Häuschen. Andere schliefen mit ihrer teilweise zehnköpfigen Gastfamilie in einem Raum. Aus Sicherheitsgründen trugen sie stets ihre Pfadfinderuniformen, weil diese sie als Helfer kenntlich machten.

Auf einem Cubs Camp, einem Wölflingslager mit rund 200 kleinen afrikanischen Pfadfindern organisierte die Truppe mit anderen Pfadfindern aus Neuss ein Lager mit einer Umweltrallye.

Krönender Abschluss waren die Tage im Krüger Nationalpark, wo Elefanten aus dem Dunkeln traten, Nilpferde, Giraffen und Nashörner auf dem Weg auftauchten. "Eine Hyäne kann ganz schön angsteinflößend sein, wenn sie neben dem Auto herläuft, dagegen waren die Zebras doch schöner anzusehen, genauso wie die vielen verschiedenen Antilopenarten", so Hannah Emde.