Am Brassertufer wird für Archäologen Bonner Altstadt wieder lebendig

Ab 1. September rückt ein komplettes Archäologenteam mit zwölf Spezialisten an und forscht im Rheinkies, wo bis vor kurzem das Hotel Beethoven und öffentliche Parkplätze waren, nach Spuren römischen Lebens.

Bonn. Die Baugrube am Rheinufer ist unübersehbar, doch richtige Schätze hat sie bisher nicht preisgegeben. Auf dem riesigen Areal neben der Oper, wo bis vor kurzem das Hotel Beethoven und öffentliche Parkplätze waren, fangen die richtigen Ausgrabungen aber gerade erst an.

Ab 1. September rückt ein komplettes Archäologenteam mit zwölf Spezialisten an und forscht im Rheinkies nach Spuren römischen Lebens. "Ja, das wäre toll, wenn wir noch Funde aus der Römerzeit machen würden", sagt Grabungsleiter Gary White. Bekanntlich ist in Bonn die Wahrscheinlichkeit dafür nicht eben klein.

Bisher hat der 54-Jährige mit ein paar Helfern "baubegleitend" Vorarbeit geleistet. Die Fundamente der Gertrudiskapelle wurden teilweise freigelegt, dazu ein Stück Kopfsteinpflaster der alten Giergasse und Mauerreste von Vorkriegshäusern.

Die Gertrudiskapelle Sie stand am unteren Ende der Giergasse, nahe des Rheinufers. Ihre Ursprünge reichen bis ins Ende des 9. Jahrhunderts zurück. Bei dem1258 erstmals erwähnten Kirchlein gründete sich im 14. Jahrhundert eine kleine Gemeinschaft von Zisterzienserinnen. Die Kirche wurde imLaufe der Zeit zwei Mal erweitert, so dass am Ende in dem Saalbau rund 30 Gläubige Platz gehabt haben. Im 17. Jahrhundert lebten erneut Ordensleute bei der Kapelle. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kirchlein teilweise zerstört. Die Ruine verschwand unter dem höher gelegenen Rheindamm (Brassertufer).

Zuletzt fanden sich Gräber aus der Karolingerzeit, in denen man Skelette von relativ jungen Menschen entdeckte. "Darunter war eine Frau, die einen Totenkranz trägt", berichtete White. Die Exponate werden derzeit bearbeitet und treten dann den Weg in ein Museum an. Ansonsten aber blieben aufsehenerregende Funde bisher aus. Das meiste war Bauschutt aus dem Zweiten Weltkrieg.

In dem Viertel zwischen heutiger Oper und Altem Zoll pulsierte früher das pralle Leben. In den Häusern entlang kleiner Gässchen wohnten und arbeiteten Handwerker, es gab die Rheinwerft und eine Kneipenszene zwischen dem Wirtshaus "Zum Rheinkran" und dem Restaurant "Vater Arndt". Man hatte das Giertor, das aber schon 1856 abgebrochen wurde, und mittendrin eben die kleine Gertrudiskapelle.

Dann kam der 18. Oktober 1944. 250 Bomber entluden ihre Fracht und die verwandelte die am Rhein gelegene Altstadt von der Wachsbleiche bis zur Zweiten Fährgasse innerhalb von 20 Minuten in ein Flammenmeer. Jetzt aber wird das Viertel zwischen Südbastion (Alter Zoll) und heutiger Oper wieder lebendig - zumindest für die Archäologen, die sich die Reste der alten Bebauung und den Rheinkies vornehmen werden.

Bisher war man mit Kleinigkeiten zufrieden gewesen. So fanden sich Mosaikteile mit der Aufschrift "Vater Arndt", die wohl im Türeingang des gleichnamigen Restaurants gelegen haben. Auch die Grundmauern der "Kommode" lassen sich inzwischen nachweisen. So nannte der Bonner Volksmund wegen der vielen Fenster ein Haus in dem Viertel.Immer wieder bleiben Passanten am Bauzaun stehen und werfen Blicke in die Grube.

"Es sind viele Ältere, die wohl einmal hier gewohnt haben", glaubt Gary White. Für ihn ist das alles Routine. Der Engländer, der seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt, zeigt alte Abbildungen von dem Viertel, wovon es sehr viele gebe. Das hilft ihm bei der Arbeit und der Rekonstruktion von Gassen, Häusern und Kellern. Gespannt, was er findet, ist der 54-Jährige dennoch.

Die Baufirma, die an diesem Ort später die "Rheinlogen" errichtet, muss dabei nicht untätig sein. Sie kann in Absprache mit den Archäologen schon mal Kanal- und Erdarbeiten durchführen. Entstehen sollen dort später vier Neubauten mit 75 Eigentumswohnungen, die fast alle einen Rheinblick haben werden.

Außerdem baut die Nord-Süd-Hausbau aus Stuttgart Läden und Gastronomie - insgesamt 8 300 Quadratmeter Gewerbe- und Wohnflächen, dazu 97 Tiefgaragenplätze. Und White verspricht: Wir gehen dem Giertor auf den Grund. Wie lange er damit beschäftigt sein wird? "Mindestens bis Ende diesen Jahres", sagt er und macht eine Pause: "Das hängt davon ab, was wir finden."