Die Bonner Tafel

3000 Bedürftige werden täglich versorgt

BONN. Käthe Schliebusch ist ein Mensch, den man als "'ne richtige Marke" beschreiben könnte. Gut gelaunt fährt sie einmal pro Woche mit ihrem Rollstuhl vom Lievelingsweg in die Mackestraße. "Ich bin mit meinem Mercedes hier", scherzt die 78-Jährige.

Mit ihr warten schon gut 50 andere geduldig, bis sich um 16 Uhr die Türen öffnen. Die Menschen, die aus allen Ecken Bonns in die Nordstadt kommen, haben nur wenig im eigenen Geldbeutel. Bei der Bonner Tafel erhalten sie einen Vorrat an Lebensmitteln, um die nächsten Tage besser über die Runden zu kommen.

"Ich komm mir mein Fütterchen abholen", sagt Schliebusch. Als ihre Nummer aufgerufen wird - jeder Kunde ist über einen Ausweis registriert - zahlt sie 50 Cent. Mit diesem Anerkennungsbeitrag versucht die Tafel, ein wenig die Benzinkosten zu decken, erläutert Peter Lossow vom Vorstand. Außerdem hätten die Leute so auch das Gefühl, nicht irgendetwas umsonst bekommen zu haben.

Auch nimmt niemand mit, was er nicht mag: Die ehrenamtlichen Helfer der Tafel halten alle Lebensmittel hoch, bevor sie in die mitgebrachten großen Plastiktüten wandern. "Ich komme damit eine Woche lang aus, friere auch viel ein. Wegwerfen tu ich nichts", sagt Schliebusch. Das Angebot an diesem Nachmittag ist recht vielfältig. "Wenig Obst, dafür Wurst und Käse, Champignons und Süßigkeiten", sagt Hiltrud Stauf, die mit weiteren Helfern alles sortiert hat. Über Süßes freuen sich vor allem Kinder, die manchmal mit dabei sind.

Neben Wildlachs liegen in einer Kiste Maultaschen, es stapelt sich Chai-Tee mit Milch in Dosen - alles Lebensmittel kurz vor Ablauf des Verfallsdatums, das die Teams der Tafel am Morgen mit den vier Kühltransportern in Lebensmittelgeschäften und am Abend vorher bei Bäckereien abgeholt haben. Brot gebe es oft im Überfluss, erklärt Marianne Baldus, die mit Lossow, Geschäftsführer Horst Tontarski und Herbert Ockenfels im Vorstand alles organisiert. Das komme durch das immer frische Nachbacken, das Kunden in den Läden verlangen. Das gönnt Bäcker Klein aber auch manchmal den Tafel-Kunden und gibt frische Brötchen mit.

Alles hängt von den Filialleitern ab, wie sie selbst zu dem Hilfsprojekt stehen. Eine Kette macht nicht mit, weil sie hoffte, dass die Tafel all ihre Reste mitnehme und sortiere. Doch das können und wollen die 80 Helfer nicht leisten. Sie laden an 30 Stellen pro Woche ein, was noch brauchbar ist, und wenden dabei den Hausfrauenblick an. Das heißt, man schaut, ob man den Lauch oder die Zwiebeln noch selbst zu Hause verarbeiten würde.

Die größte Fuhre kommt montags und freitags vom Edeka-Großmarkt in Meckenheim mit Rückläufern aus ganz NRW. Auch beim Großmarkt Roisdorf fällt täglich was an. Im Prinzip wird nachmittags alles weiterverteilt. In ein Lager samt Kühlschrank stellen die Helfer Haltbares wie Öle, Nudeln, Reis und Margarine als Puffer zurück.

"In den sozialen Randgebieten wohnen Kinder, die morgens hungrig aus dem Haus gehen. Die bekommen durch uns mittags etwas zu essen", sagt Lossow. So beliefert die Tafel 29 Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Schulen, Jugendzentren, Seniorenbetreuungen und den Verein für Gefährdetenhilfe. "Wir bauen die Brücke zwischen Überfluss und Bedürftigkeit", sagt Tontarski. Dass dabei auch noch Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt werden, ist für die Helfer ein positiver Nebeneffekt.

Mittwochs und am Wochenende ist keine Lebensmittelausgabe, an den anderen Nachmittagen stehen immer rund 100 Leute da, die alle ihre Bedürftigkeit nachweisen mussten. Rund 70 Prozent sind Ausländer, schätzt Baldus. "Die Deutschen schämen sich oft." In der Regel seien die Menschen dankbar, sagt Lossow, "drücken einem kräftig die Hand". So wird die Ecke der Mackestraße zur Begegnungsstätte, denn viele der Bonner sind älter und alleinstehend.

Meikel Müller erscheint zum dritten Mal. Aus gesundheitlichen Gründen ist der 36-Jährige vom Blumenhof Frührentner. "Meine Grundsicherung reicht nicht aus." Dank der Tafel hofft er, dass das Geld reicht, um einmal im Monat ins Kino gehen zu können. Für die Bad Godesbergerin Rosita Schmitz (58) ist die Tafel seit dreieinhalb Jahren "eine sehr große Erleichterung. Mit Hartz IV kann man nicht weit springen."

Ein ehemaliger Tankstellenpächter aus Indien ist 2012 arbeitslos geworden und kommt seitdem vorbei. "Bei uns zu Hause gibt es so was nicht." Eine 54-Jährige aus Lessenich-Meßdorf war krank geworden und konnte als Objektleiterin einer Gebäudereinigung nicht mehr arbeiten. "Ich bin jetzt die ärmste Sau der Welt, habe keine Rente." Mit dem Essen der Tafel kommt sie die nächsten vier Tage aus. "Ich freue mich immer, wenn es was Süßes gibt", sagt sie und lächelt.

Der Verein ächzt, da immer mehr Menschen nach Essen fragen, die Kapazitäten allerdings erschöpft sind, so Tontarski. Doch die überwiegend älteren Helfer lassen sich die Freude an der Arbeit nicht vermiesen. Sie steigt noch mehr, wenn Käthe Schliebusch mal wieder einen selbst gebackenen Kuchen vorbeibringt - als herzliches Dankeschön.

Bonner Tafel

Die Tafelidee entstand in den USA, in Deutschland gibt es den Bundesverband seit 20 Jahren. Es existieren 900 Vereine, der in Bonn seit 15 Jahren. Seit 2004 befinden sich die Tafel an der Mackestraße. Die vier Kühltransporter legen pro Monat 4000 Kilometer zurück, was allein 700 Euro an Diesel kostet.

Letztlich finanziert sich alles über Spenden. Die Helfer sammeln pro Monat bis zu 15 Tonnen Obst und Gemüse, 3000 Brote, 10.000 Brötchen, 2000 Teile Gebäck, 1000 Kilo Feinkost und Milchprodukte sowie bis zu 3000 Kilo Konserven. Wöchentlich werden 3000 Bedürftige versorgt.

Weitere Informationen unter der Telefonnummer 0228/7668316, nach einer Mail an info@bonner-tafel.de und auf www.bonner-tafel.de