Rhetorik-EM in Bonn

300 Teilnehmer wetteiferten um den Titel - ein Ulmer gewinnt

BONN.  Heike Kunzelmann betritt den Kurfürstensaal im Hotel Bristol und bekommt an der Türe ein Headset angelegt. Die 43-Jährige aus Bad Godesberg atmet noch einmal tief durch, bevor sie unter dem Applaus des Publikums zur schlichten Bühne geht. Kunzelmann ist eine von rund 300 Teilnehmern, die sich für die Rhetorik-Europameisterschaft in Bonn qualifizieren konnte.
Aus dem Stegreif: Die Godesbergerin Heike Kunzelmann entwickelt in ihrer Rede die Geschichte um den fiktiven Wirt Richard.
								Foto: Barbara Frommann
Aus dem Stegreif: Die Godesbergerin Heike Kunzelmann entwickelt in ihrer Rede die Geschichte um den fiktiven Wirt Richard. Foto: Barbara Frommann

Am Freitagabend um 18.40 Uhr steht Kunzelmann als fünfte von insgesamt sieben Finalisten auf der Bühne. Alle Teilnehmer sind Mitglieder der Toastmasters District 56 Continental Europe, einer großen Gemeinschaft, die sich der Rhetorik verschrieben hat und alljährlich im Herbst die dreitägige Europameisterschaft der "humorvollen Reden" in Deutsch, Englisch und Französisch ausrichtet.

"Bei den Stegreifreden wird den Teilnehmern ein Thema kurz vorher mitgeteilt. Währenddessen warten die anderen Teilnehmer draußen vor der Türe - damit sie das Thema nicht schon vorher hören. Insgesamt sieben Kampfrichter bewerten später den Inhalt, die Art und die Originalität des Vortrages", erklärt Andrea Sauerzweig vom Organisationsteam.

Sie sei schon etwas aufgeregt, verriet Heike Kunzelmann vor ihrer Rede. Als sie jedoch auf der Bühne steht, scheint die Aufregung verflogen zu sein. Sie lacht und lässt ihren konzentrierten Blick über das Publikum schweifen. Noch weiß sie nicht, worüber sie in den nächsten Minuten reden soll.

"Am Bonner Hauptbahnhof ist in einem Schließfach ein Koffer gefunden worden. Als man ihn öffnet findet man Fotos, Bücher, Briefe, Zeitungsartikel und Bierdeckel. Man hat das Gefühl in die Lebensgeschichte eines Menschen einzutauchen. Erzähle sie", fordert sie der Moderator auf.

Seit drei Jahren geht die 43-Jährige ihrem Rhetorik-Hobby nach. "Das war etwas für mich: reden, reden und nochmal reden", sagt sie lachend. Vor allem würde sich ihr Hobby auch auf ihren Beruf als Selbstständige positiv auswirken.

Entschlossen lässt sie ihren Blick noch einmal über das Publikum wandern, jetzt, nachdem sie Thema kennt, muss sie sich schnell eine Geschichte ausdenken, denn sie darf nicht länger als zweieinhalb Minuten und nicht kürzer als eine Minute reden, sonst würde sie disqualifiziert werden. Sie denkt sich eine Geschichte um den fiktiven Wirt Richard aus, der hinter dem Hauptbahnhof eine Kneipe besitzt und mit seinem bisherigen Leben abschließen möchte. Alle seine Erinnerungen hinterlässt er im Koffer, schließt ihn weg und verschwindet. Nach ihrem Vortrag nimmt sich die Jury eine Minute Zeit und bewertet den Auftritt.

Beim Gala-Dinner am Samstagabend wurden dann die ersten drei Plätze bekanntgegeben. Heike Kunzelmann ist nicht dabei. Bester Stegreifredner auf Deutsch wurde Martin Schuler aus Ulm. Von der Niederlage lässt sich Kunzelmann nicht unterkriegen, ist die Stegreifrede doch ihr großes Hobby.

Mehr Infos gibt es auf www.bonn-toastmasters.de und www.bonn-international-toastmasters.de. In den Clubs wird die Kunst des Redens vermittelt.

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