Insektensterben in Bonn und der Region

Das Summen nimmt immer weiter ab

Der Sommerflieder ist zwar auch ein Exot, bietet dennoch reichlich Nektar vor allem für Schmetterlinge.

Der Sommerflieder ist zwar auch ein Exot, bietet dennoch reichlich Nektar vor allem für Schmetterlinge.

Umweltschützer beklagen dramatisches Insektensterben durch Pestizide – mit Folgen für Vögel und Landwirtschaft. Bonns Nabu-Vorsitzender Alexander Heyd gibt Tipps für Hilfen.

Der Frühling steht vor der Tür, doch das sonst so üppige Brummen und Summen an Blüten wird weniger und leiser. Schon vor einem Jahr warnte der Naturschutzbund (Nabu) vor einem drastischen Insektensterben mit bislang unbekannten Folgen. Allein in Nordrhein-Westfalen sei in den vergangenen 15 Jahren die Biomasse der Fluginsekten um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. „Das ist ein hochgradiges Umweltproblem weltweit, aber vor allem in Europa. Alle anderen Umweltprobleme sind im Vergleich dazu Kinderkram“, sagt Alexander Heyd, Vorsitzender des Nabu Bonn.

Das Insektensterben sei für jeden aufmerksamen Autofahrer schon seit Jahren bemerkbar gewesen: Wenn sonst nach langen Autofahrten im Sommer die Scheinwerfer und Motorhauben mit toten Insekten verschmutzt waren, bleiben sie inzwischen sauber. Heyd: „Es gibt nur noch wenige Insekten, je nach Art und Gegend sogar um 90 Prozent weniger.“

Nicht alle Ursachen sind geklärt, jedoch gilt die extensive Bewirtschaftung der Ackerflächen als wichtiger Auslöser. Neben der Landschaftszersiedelung wird vor allem der Einsatz von Pestiziden verantwortlich gemacht. „Inzwischen wurde nachgewiesen, dass der Einsatz von Neonicotinoiden für viele Insektenarten hochgiftig ist“, sagt Heyd.

Die Mittel kamen seit Mitte der 1990er Jahre großflächig in der Landwirtschaft zum Einsatz, sind aber zumindest teilweise seit 2013 verboten beziehungsweise eingeschränkt, aber nicht deutschland- und europaweit. Heyd: „Das Problem kann nur gemeinsam gelöst werden. Das heißt, nur ein komplettes Verbot in Europa kann das dramatische Sterben stoppen.“

Dennoch könnten auch Gartenbesitzer helfend eingreifen. Denn neben den Giften setze den Insekten auch das fehlende Nahrungsangebot zu. „Meistens finden die Insekten noch Nahrung im Frühjahr, weil dann viel blüht. Ab Mai hört es dann aber auf“, sagt Heyd. Ständiges Rasenmähen, versiegelte Flächen und ungeeignete Bepflanzungen bieten keine Nahrung für Fluginsekten. Dazu gehören nicht nur die Honig- und Wildbienen, sondern vor allem auch Wespen, Hornissen, Schmetterlinge und verschiedene Fliegenarten wie Schwebfliegen.

Die Folgen des Insektensterbens sind laut Nabu fatal: Rund 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen seien auf Insektenbestäubung angewiesen. Und Insekten sind für Vögel, Fledermäuse und viele andere Tiere eine wichtige Nahrungsgrundlage und stellt damit auch für die Vogelwelt eine weitere existenzielle Bedrohung dar. Vor allem Vogelarten wie Schwalben und Mauersegler finden keine Beute mehr.

Was konkret können Gartenbesitzer, aber auch Landwirte und Kommunen tun? Heyd: „Dafür sorgen, dass es blüht und die geschwächten Insekten ausreichend Nahrung finden.“ So könnten Landwirte Wildblumen zwischen ihre Felder säen und zu natürlichen Pestiziden greifen, auch Straßenränder bieten dazu entsprechende Flächen.

Auch Balkon- und Gartenbesitzer können es Blühen lassen und generell auf Pestizide, Dünger sowie auf Wespen- und Lichtfallen verzichten. Zusätzliche Nisthilfen wie Insektenhotels im Garten und am Balkon sind grundsätzlich hilfreich; sie gibt es inzwischen in großer Auswahl im Handel. Doch ohne ein entsprechendes Nahrungsangebot machen diese Nisthilfen keinen Sinn.

Naturschützer Alexander Heyd: „Jeder Einzelne hat außerdem die Möglichkeit, mit dem Kauf von Bioprodukten dafür zu sorgen, dass der konventionelle Anbau von Gemüse und Obst, bei dem solche Pestizide eingesetzt werden, nicht weiter unterstützt wird.“