Natur pur

Ein Haus aus Stroh

Ein Haus aus Stroh ist sehr haltbar und verspricht einen hohen Wohlfühlfaktor.

Ein Haus aus Stroh ist sehr haltbar und verspricht einen hohen Wohlfühlfaktor.

Lohmar. Der Lohmarer Zimmermeister Gerd Ribbeck setzt angesichts zunehmender Klimaprobleme verstärkt auf nachhaltige Baustoffe.

Meldungen über den zunehmend schlechter werdenden Zustand unseres Planeten finden immer häufiger den Weg in die Nachrichten. Was jeder zum Umweltschutz beitragen kann, ist eine Frage, die den Lohmarer Zimmermeister Gerd Ribbeck bereits seit mehr als 20 Jahren beschäftigt.

Eine Antwort hatte er für sich gefunden: Er setzte auf Massivholzbau, also auf Holzkonstruktionen, die seiner Aussage nach "Natur pur sind". Auf Leim wird ebenso verzichtet wie auf Nägel und weitgehend auch auf Schrauben.

Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand: "Neben einer Kohlendioxid-schonenden Bauweise bekommt der Bauherr ein Haus mit hohem Wohlfühlfaktor und einer nachweislich hohen Haltbarkeit", betont Ribbeck: "Einige Massivholzhäuser im Schwarzwald stehen schon rund 700 Jahre."

Doch der Lohmarer will jetzt noch einen Schritt weiter gehen in Sachen umweltschonender Bauweise, denn er sagt: "Ein massiver Baum braucht etwa 80 Jahre für sein Wachstum."

Ökologisch nachhaltiger sei daher ein Baustoff, der jedes Jahr geerntet werden könne: Stroh, genauer gesagt 36 Zentimeter dicke Strohballen, so wie sie bei jeder Ernte aus gewöhnlichen Strohpressen der Landwirte anfallen.

Ermutigt von Modellprojekten des Fachverbandes Strohballenbau Deutschland (FASBA, www.fasba.de) mit Sitz in Verden hat Gerd Ribbeck seinen ersten Auftrag bekommen: Im Frühjahr soll er ein Einfamilienhaus in Düren aus Strohballen bauen. Wie ein solcher Bau prinzipiell funktioniert, hatte sich Gerd Ribbeck im vergangenen Jahr in Troisdorf angeschaut.

Hier errichtete der Architekt Dennis Harms aus Leichlingen, Vorstandsmitglied im FASBA, einen Anbau an einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus. Harms setzte dabei auf einen Holzrahmenbau mit Strohballendämmung sowie auf einen Lehmputz im Inneren und einen Sumpfkalkputz, der von außen aufgetragen wurde.

Im Prinzip funktioniert das wie beim traditionellen Bau eines Fachwerkhauses. Aus Holz werden Gefache hergestellt, wobei diese für den Strohballenbau so beschaffen sein müssen, "dass gepresste Strohballen, wie sie in der Landwirtschaft üblich sind, genau hineingepasst werden können", erklärt Harms: "Die aufeinandergeschichteten Strohballen werden bei der Montage nochmals wie ein Schwamm mittels eines Spanngurtes zusammengedrückt."

Wenn der letzte Ballen in der Reihe aufgeschichtet ist, lösen die Handwerker den Spanngurt, so dass sich die Ballen ausdehnen und fest in der Konstruktion verspannen. So entstehe eine hochkomprimierte Wand, die bereits ohne die noch folgenden Putzschichten eine erstaunliche Festigkeit aufweise, führt Harms aus.

Wichtig sei in dieser Phase allerdings, dass das Stroh trocken gelagert wird und keine Feuchtigkeit in den Baustoff eindringen kann: "Denn es könnte Schimmel entstehen", sagt der Architekt. "Daher ist ein gut isoliertes Dach wichtig", ergänzt Zimmermeister Ribbeck. Anschließend werde das Stroh mit Lehm verputzt, was die Konstruktion - entgegen Vorurteilen - absolut brandschutztauglich mache. "Lehm brennt nicht", betont Dennis Harms.

Außerdem seien die Ballen so komprimiert, dass diese im Falle eines Feuers zunächst nur äußerlich verkohlten. Auch bei einem offiziellen Test mit einer kalkverputzten Wand aus Strohballen habe diese die Feuerwiderstandsklasse F90 geschafft. Zum Verständnis: Ein solches Bauteil gilt als feuerbeständig und schützt Bewohner 90 Minuten lang vor den Flammen.

In dem Zusammenhang ergänzt Harms, dass die FASBA für das Bauen mit Stroh eine bauaufsichtliche Zulassung erreichen konnte: "Damit sind strohgedämmte Gebäude mittlerweile so einfach genehmigungsfähig wie jedes andere Gebäude auch."

Fachinformationen sowie die gesammelten Erfahrungen sind in der Strohbaurichtlinie 2014 dokumentiert und bieten damit eine ordentliche Grundlage zur Qualitätssicherung beim Bauen mit Strohballen.

Selbst in tragender Bauweise kann man Strohballen verwenden, wobei die Genehmigungen hierfür in Deutschland noch schwierig zu bekommen seien, da für den lasttragenden Bau zum Beispiel noch keine einheitliche Berechnungsgrundlage für die statischen Nachweise existieren. Hieran werde bereits gearbeitet, so dass in Zukunft auch diese Bauart gut geregelt und ohne aufwendige Einzelnachweise umgesetzt werden kann.

Rund 145 Planer, Handwerker und sonstige am Strohballenbau Interessierte seien Mitglied im FASBA, unter anderem auch Zimmermeister Ribbeck. Vor allem schätzt Ribbeck das Wohlfühlklima in den Räumen. Architekt Harms kann das nur bestätigen: "Der Lehmputz wirkt durch seine hohe Wasseraufnahmefähigkeit für eine ausgeglichene Luftfeuchtigkeit und kann Schadstoffe binden." Das sei vor allem für Allergiker empfehlenswert.

Was Harms noch begeistert: "Ich bin selber auch gelernter Handwerker und finde das Bauen mit Naturprodukten einfach sehr unkompliziert!"

Bei der Energieeffizienz schneidet aus seiner Sicht ein Haus aus Strohballen in keinster Weise schlechter ab als etwa ein mit Mineralwolle gedämmter Bau: "Die Strohdämmung selber hat zwar auf das Material bezogen eine geringfügig höhere Wärmeleitfähigkeit. Die Gesamtqualität der Strohballenwand liegt aber durch die ?naturgegebene? Dicke der Dämmschicht im Passivhausbereich und erfüllt somit spielend höchste Ansprüche."

Bleibt eine Kernfrage: Um wie viel muss ein Bauherr, der mit Stroh bauen möchte, tiefer in die Tasche greifen? "Rund 2000 Euro kostet der Quadratmeter Wohnfläche, wenn man mit Stroh baut", sagt Harms. Ein "normales" Haus mit Mindestenergieeffizienz und Standard-Baumaterialien eines Bauträgers liegt bei rund 1600 Euro."

Keine Frage, die Anfangsinvestition sei höher, "allerdings kauft man für diese Kosten auch eine deutlich höhere Qualität bezogen auf Energieeffizienz, Materialität und Nachhaltigkeit, somit ist ein Strohballenhaus langfristig preiswerter", glaubt der Architekt.

Für Zimmermeister Ribbeck ist es eine höchst persönliche Entscheidung, "was einem wichtig ist und welche Akzente man in Sachen Umwelt- und Klimaschutz setzen will". Für sein erstes Haus aus Strohballen muss er weite Weg in Kauf nehmen: Die fertig mit Strohballen verpressten Stroh-Wandelemente muss er mangels Alternative in Litauen einkaufen.

Zu den ersten Architekten, die mit Stroh gebaut haben, gehören nach eigener Aussage Tilman Schäberle und seine Kollegin Susanne Körner aus Bad König. Bislang fallen ihre Erfahrungen positiv aus: "Es gibt keinen nachhaltigeren Baustoff", betont Schäberle.