Klischees und Vorurteile

Wie ungesund ist vegane Ernährung wirklich?

Proteine, Soja und der Regenwald

6 "Können Veganer überhaupt genug Eiweiß aufnehmen?"

Die einfache Antwort: Ja. Und ausführlicher: "Wer sich als Veganer ausgewogen ernährt und genügend Kalorien zuführt, kann ohne Probleme seinen Proteinbedarf decken", sagt Experte Niko Rittenau. Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen werden ausreichende Mengen an essentiellen Aminosäuren zugeführt. Wichtig ist besonders für Veganer, mehr als nur ein oder zwei Proteinquellen zu nutzen und diese sinnvoll miteinander zu kombinieren. Es ist jedoch laut Rittenau ein Mythos, dass die sich ergänzenden Proteine zwingend zusammen, also in einer Mahlzeit, verzehrt werden müssten: "Es genügt vollkommen, diese im Laufe eines ganzen Tages zu konsumieren."

7 "Veganer können im Sport nicht die gleiche Leistung abrufen."

Das ist ein Mythos, an dem tatsächlich kein Funken Wahrheit steckt. Denn der Mensch benötigt, um körperliche Leistung abrufen zu können, keineswegs tierische Lebensmittel. "Was er benötigt, sind bestimmte Nährstoffe", so Jasper Caven, "aber woher er diese bekommt, ist ihm egal." Das heißt: Ein sogenannter Pudding-Veganer, der sich rein pflanzlich, aber ungesund und einseitig ernährt, wird sicher auch nicht zu sportlichen Höchstleistungen imstande sein. Das gilt aber auch für den Mischköstler, der keine Acht auf seine Ernährung gibt.

Fazit: "Solange vegane Sportler alle wichtigen Nährstoffe zuführen, können sie auch die gleiche Leistung erbringen", erklärt Caven, der selbst Kraftsport betreibt. Die besten Beispiele sind Profisportler wie Basketball-Star Dirk Nowitzki, der keinerlei Milchprodukte zu sich nimmt, Fußballer Timo Hildebrand, der überzeugter Veganer ist, oder Sprinter Carl Lewis, der in der Szene als Urvater des veganen Spitzensportlers gilt.

Einzigartig

Dirk Nowitzki setzt in seiner Karriere beim Sieg über die Spurs einen weiteren Meilenstein. Foto: Larry W. Smith

 

8 „ Kinder sollten auf keinen Fall vegan ernährt werden!“

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt aktuell Schwangeren, Stillenden, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen eine vegane Ernährung nicht, weil "eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich" sei. Das Risiko für einen Nährstoffmangel vor allem für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder höher, weil sie sich im Wachstum befinden und geringere Nährstoffspeicher haben. Das sollte jeder in Betracht ziehen, der sein Kind ebenfalls vegan ernähren will. Hingegen lautet die Position anderer Ernährungsgesellschaften, etwa in den USA, in Kanada oder Großbritannien, dass eine gut geplante vegane Ernährung in jeder Lebensphase bedarfsdeckend sei und eine gesunde Alternative zur westlichen Mischkost biete.

Die Position der DGE begründe sich durch die "Unterschiede in der allgemeinen Versorgungssituation an angereicherten Lebensmitteln hierzulande", sagt Ernährungsexperte Niko Rittenau. Allerdings sei die Versorgung durchaus möglich, "sie erfordert aber gerade für Schwangere, Stillende und junge Kinder ein gewisses Mindestmaß an eigenständiger Planung" - was vor allem für Kinder schwierig sein dürfte. Die DGE beruft sich hier auf eine niederländische Studie mit Kinder unter zehn Jahren, die makrobiotisch ernährt wurden, also vor allem Vollkorngetreide, Gemüse, HÜlsenfrüchte und Nüsse aßen. Sie wiesen vor allem zwischen vier und 18 Monaten ein retardiertes Wachstum auf, eine geringere Fett- und Muskelmasse, eine langsamere psychomotorische Entwicklung und Defizite an Energie, Protein, Vitamin D, Riboflavin, Vitamin B und Calcium.

Schwangere oder Stillende, die sich vegan beziehungsweise makrobiotisch ernähren und dabei keine Ergänzungsmittel einnehmen, riskieren laut DGE "schwere[r] neurologischer Störungen und Entwicklungsverzögerungen für das Kind". Wer sich also auch in Schwangerschaft und Stillzeit vegan ernähren möchte, sollte sich sehr gut auskennen, seine Ernährung gut planen und darauf achten, dass zum einen die Makronährstoffe Protein und Fett abgedeckt sind und zum anderen der Bedarf an kritischen Nährstoffen wie vor allem B12 gedeckt ist.

9 „Veganes Essen ist langweilig und eintönig.“

Veganes Essen ist vermutlich ebenso langweilig oder eben nicht langweilig wie herkömmliche Mischkost - nämlich je nachdem, was und wie man isst. "Die meisten Menschen lernen mehr neue Lebensmittel kennen als sie streichen müssen, wenn sie sich für eine vegane Ernährung entscheiden", sagt Niko Rittenau. Der gelernte Koch ist überzeugt: "Vegan zu kochen ist mit einem gewissen Grundverständnis sehr schmackhaft, abwechslungsreich und weder teurer noch aufwendiger."

10 "Veganer sind scheinheilig: Sojaanbau zerstört den Regenwald."

Spätestens seitdem die Starköchin Sarah Wiener vegane Ersatzprodukte harsch kritisiert hat, ist der Vorwurf in aller Munde: "Vegane  Industrieprodukte lassen Böden erodieren, versauen das Klima und vergiften das Wasser", schimpfte Wiener in einem Gastbeitrag für das Magazin "enorm". Die vegane Industrie produziere "genauso falsch wie das Fleischsystem", lautete ihre These, die von vielen Medien aufgegriffen wurde. Tatsächlich wird in Gebieten des Regenwaldes Soja angebaut. Allerdings, so Experte Niko Rittenau, "landet nur ein verschwindend geringer Teil der weltweiten Sojaernte in Form von Sojaprodukten auf den Tellern der Menschen". Der weitaus größere Teil werde für Tierfutter in der Intensivtierhaltung verwendet oder anderweitig industriell weiterverarbeitet.

Und: "Alle deutschen, österreichischen und schweizerischen Sojamilch- und Tofuproduzenten beziehen Soja nicht aus dem Regenwald, sondern überwiegend aus Europa und ansonsten aus Kanada", betont Rittenau. Trotzdem muss jedem Veganer klar sein, dass Ersatzprodukte aus Soja nicht als "natürlich" zu bezeichnen, sondern industriell gefertigt sind. Wer auf unverarbeitete Lebensmittel setzen will, sollte um Sojaprodukte also einen Bogen machen und stattdessen etwa auf Hülsenfrüchte als Proteinquelle zurückgreifen.

Soja ist vor allem in Form von Tofu als Fleischersatz sehr beliebt - hier mit Sojasauce gebraten.

Soja ist vor allem in Form von Tofu als Fleischersatz sehr beliebt - hier mit Sojasauce gebraten.