Klischees und Vorurteile

Wie ungesund ist vegane Ernährung wirklich?

Der Europäische Gerichtshof stellt klar: Rein pflanzliche Produkte dürfen keine Begriffe wie "Butter" und "Käse" im Namen tragen.

Über vegane Ernährung kursieren viele Vorurteile.

BONN. Dürfen Kinder und Schwangere sich überhaupt vegan ernähren? Ist Veganismus nur ein teurer Trend, und was hat der Regenwald eigentlich damit zu tun? Hier sind alle gängigen Vorurteile zur veganen Ernährung und deren Wahrheitsgehalt.

1 "Veganer leben ungesund und haben Nährstoffmangel."

In jeder Ernährungsweise gibt es Nährstoffe, an denen es mangeln kann, wenn man sich nicht ausgewogen ernährt. Beim Veganismus sind das die Vitamine B12, B2, D, die Mineralstoffe Eisen, Zink, Kalzium, Jod, Selen sowie langkettige Omega-3-Fettsäuren und Aminosäuren wie Lysin. Laut Niko Rittenau, Ernährungsberater und Experte für vegane Ernährung, kann man all diese Nährstoffe "auch über eine rein pflanzliche Ernährung abdecken". Kritisch bleibt aber Vitamin B12. Es ist für das Nervensystem und Gehirn sehr wichtig und schützt zudem das Herz-Kreislauf-System. Enthalten ist B12 zum Beispiel in Hering, Leber, Lachs, Rindfleisch, Käse, Eiern oder Vollmilch. Pflanzliche Quellen sind noch nicht ausreichend erforscht, weshalb Veganer immer zu einem Nahrungsergänzungsmittel für B12 greifen müssen.

Was die allgemeine Gesundheit betrifft, hat die vegane Ernährung ebenso wie die vegetarische viele Vorteile, sofern sie ausgewogen erfolgt: Ballaststoffreiche Nahrungsmittel auf Vollkorn- oder auch Sojabasis, Nüsse sowie Gemüse und Obst können erwiesenermaßen dazu beitragen, das Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Auch auf die Cholesterinwerte hat eine vegetarische oder vegane Ernährung positiven Einfluss. Allerdings leben Menschen, die nur wenig Fleisch essen, laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) ebenso gesund.

Zu Nährstoffmangel führt grundsätzlich also nicht eine vegane, sondern eine einseitige Ernährung - das gilt auch für die Mischkost mit tierischen Produkten. Generell lautet die Empfehlung von Ernährungswissenschaftlern, dass sich jeder, vor allem aber Veganer, regelmäßig ärztlich überprüfen lassen sollten, um eventuelle Mangelerscheinungen frühzeitig aufdecken und gegensteuern zu können.

2 "Der Mensch ist eben von Natur aus Fleischfresser!"

Mit diesem Argument wird oft untermauert, dass der Mensch sich ohne Fleischkonsum gar nicht zu dem habe entwickeln können, was er heute ist. Das ist höchstens halbwahr: Bis heute ist nicht klar, wie viel die Entwicklung des Menschen zu seiner heutigen Lebensform tatsächlich mit den im Fleisch enthaltenen Proteinen zu tun hat und ob nicht doch etwa klimatische Bedingungen einen deutlich höheren Einfluss etwa auf das Gehirnwachstum hatten.

Fest steht: Der Mensch war nie reiner Fleischfresser - und das ist auch gut so, denn mit einer rein carnivoren Ernährung würden ihm essentielle Nährstoffe fehlen. Vielmehr ist der Mensch, was die Ernährung angeht, ein wahres Wunderwesen, das sich an die gegebenen Umstände hervorragend anpassen kann - oder anders ausgedrückt: ein Allesfresser. Auch die Eckzähne, die manchem als Indiz für die natürliche Fleischeslust des Menschen gelten, haben auf den zweiten Blick wenig mit den Reißzähnen eines Raubtiers zu tun, sondern weisen den Menschen vielmehr als Frugivoren aus, also als Früchteesser, der die Nahrung mit seinen flachen Backenzähnen zermahlt - bei Fleischfressern hingegen sind auch die Backenzähne spitz. Dem Menschen fehlt zudem der saure Speichel zur Verdauung tierischen Proteins.

Trotzdem: "Auch wenn der Mensch kein reiner Fleischfresser war, so war es für den Urmenschen natürlich, tierische Produkte wie Eier und Fleisch zu verzehren", betont Ernährungsberater Jasper Caven. Sein Argument, in der heutigen Zeit auf tierische Produkte zu verzichten: "Nicht alles, was natürlich ist, ist auch gut." Schließlich müsse der moderne Mensch seinem Fleisch nur selten tagelang hinterherjagen, um es persönlich zu töten und weiterzuverarbeiten. Caven: "Wir würden heutzutage ja auch nicht mehr nackt in einer Höhle schlafen, nur weil es natürlicher ist."

Auch frisches Gemüse gibt es auf dem traditionellen Wochenmarkt in Lüttich zu kaufen.

Auch frisches Gemüse gibt es auf dem traditionellen Wochenmarkt in Lüttich zu kaufen.

3 "Veganer machen einen Kult rund um ihre Ernährung."

Kürzlich machte die Meldung Schlagzeilen, dass Frankreichs Metzger Angst vor militanten Veganern hätten. Diese hätten schon mehrfach die Schaufenster der Metzger beschmiert. Auch in Deutschland wird immer mal wieder vor "militanten" Veganern gewarnt. Wer Angst vor "Vegan-Terroristen" hat, sei beruhigt: Eine entsprechende Anfrage der AfD an die nordrhein-westfälische Landesregierung beantwortete NRW-Innenminister Herbert Reul damit, dass es keinerlei Erkenntnisse über eine militante vegane Szene gebe und diese dementsprechend auch nicht beobachtet werden könne.

Dass Veganismus in den vergangenen Jahren zum Trend geworden ist, lässt sich nicht leugnen. Und Trends haben es normalerweise an sich, dass sie zum einen nervig und zum anderen bald wieder vorbei sind. Hier könnte allerdings ein entscheidender Unterschied der veganen Ernährung liegen: "Ihr liegt vor allem eine ethische Entscheidung jedes Einzelnen zugrunde", betont Jasper Caven, der selbst seit Jahren vegan lebt. "Auch wenn der Trend sich verändert, bleibt die eigene Ethik bestehen - und somit wird auch die vegane Ernährung beibehalten." Dass es in einiger Zeit also trendy wird, sich möglichst viele tierische Produkte einzuverleiben, steht nach aktuellen Stand der Forschung eher nicht zu erwarten.

Durchaus kritisch betrachtet werden kann hingegen, wenn Veganismus als "Diät" benutzt wird, um effektiv Gewicht zu verlieren. Hier besteht (wie bei jeder Diät) die Gefahr, dass wichtige Nährstoffe, insbesondere Protein und Fett, vernachlässigt werden. Das Gewicht sinkt durch eine geringere Kalorienzufuhr, doch oftmals verschwindet damit auch Muskelmasse, was sich negativ auf die Gesundheit auswirkt.

4 "Ist veganes Essen nicht viel zu teuer?"

Hier gilt mal wieder ein klares: Jein. Tatsächlich sind vegane Ersatzprodukte meist deutlich teurer als das Original. Für Mandelmilch, vegane Schokolade oder Fleischersatz muss man meist tief in die Tasche greifen. "Diese sollten aber nur einen kleinen Teil der Ernährung ausmachen", findet Ernährungsberater Jasper Caven, "der Großteil sollte aus naturbelassenen Lebensmitteln bestehen." Und die sind wiederum überwiegend günstig: Die Basis veganer Ernährung besteht aus Lebensmitteln wie Haferflocken, Kartoffeln, Linsen, Obst, Gemüse und Nüssen.

Rote Linsen sind schnell gar: Sie schmecken auch kalt gut, beispielsweise in einem Salat mit Paprika und Feta.

Rote Linsen sind schnell gar: Sie schmecken auch kalt gut, beispielsweise in einem Salat mit Paprika und Feta.

 

5 "Mir wäre es zu kompliziert, vegan zu essen."

Das zu tun, was die Mehrheit tut, ist in den meisten Fällen einfacher, weil bequemer. Und muss man nicht, um sich vegan zu ernähren, ständig Ausnahmen machen, in Spezialgeschäfte gehen, komplizierte Gerichte kochen? Nein, sagt Caven: "Vegan zu essen ist nicht komplizierter als eine klassische Mischkost. Sie ist nur ungewohnt, denn sie wurde uns nicht von Kindheit an beigebracht." Wer sich also entscheidet, sich in Zukunft vegan zu ernähren, für den dürfte die Umstellungsphase in der Tat etwas komplizierter sein. "Aber sobald man sich an die neue Ernährung gewöhnt hat, ist sie nicht aufwendiger", so Caven. Und auch die Vielfalt leide nicht: "Man isst ja nicht weniger abwechslungsreich, man verändert nur die Auswahl der Lebensmittel."