Idole oder Freaks?

Warum Extremsportler ihre Grenzen suchen

14.06.2019 Graz. Christoph Strasser fährt auf dem Rennrad 5000 Kilometer durch die USA. Extremsportler wie er gelten oft als spleenige Sonderlinge. Doch Experten sagen: Die meisten von ihnen sind gewissenhafte Athleten - selbst dann, wenn es um Leben und Tod geht.

Schon nach dem Start im kalifornischen Oceanside wird es extrem. Nun fahren der Ultraradsportler Christoph Strasser und die anderen Teilnehmer des "Race Across America" (11. bis 23. Juni 2019) bei sengender Hitze durch die Wüste.

Bereits am dritten Tag, wenn die Route durch die Rocky Mountains führt, plagt die Radler die Kälte. "Dann geht es von 40 auf 5 Grad Celsius runter, das ist schon krass", sagt der Titelverteidiger und fünfmalige Sieger Strasser.

Unmenschliche Leistungen

Der 36-jährige Österreicher ist einer der weltweit bekanntesten Extremsportler. Sein Rekord für die fast 5000 Kilometer quer durch die USA von der Pazifik- zur Atlantikküste liegt bei einer Zeit von 7 Tagen und knapp 16 Stunden. "Das ist eine unmenschliche Distanz", sagt Strasser - und kommt doch jedes Jahr wieder.

Extremsport hat verschiedenste Ausprägungen. Grob lässt er sich aber in zwei Kategorien einteilen, erklärt Professor Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Da seien zum einen Athleten, die sich in körperlich extreme und anstrengende Situationen begeben. "Die Belastung geht weit über das hinaus, was man üblicherweise im Sport macht", sagt der Leiter der Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts.

Extremsport in der Natur

Davon abgrenzen müsse man die "Naturextremisten", die ihren Sport auf der Natur- und Abenteuerebene bestreiten. Das sind etwa Basejumper, die von Hochhäusern springen, Highliner, die auf einem Seil in 300 oder 400 Meter über eine Schlucht gehen, oder Extremkletterer.

Kleinert hält es für einen Mythos, dass Extremkletterer oder Surfer verrückt, leichtsinnig oder gar lebensmüde seien. "Die sind zumeist in hohem Maße gewissenhaft", sagt der Wissenschaftler. "Ein Freeclimber macht das nicht auf die Schnelle, sondern bereitet sich monatelang darauf vor."

Warum tut sich das ein Mensch an? Die Motivation sei meistens, Grenzen auszutesten und zu sehen, was man leisten kann, so Kleinert. "Es geht also um die Entwicklung der eigenen Kompetenzen. Da steckt etwas ganz Normales drin, nur in extremer Form."

Wie viel kann man aushalten?

Für Strasser, der auch den 24-Stunden-Weltrekord auf der Bahn hält, ist es das "Erlebnis im eigenen Körper, wie viel man aushält". Dass manche Menschen Ultraradrennen oder einen dreifachen Iron-Man-Triathlon "verrückt" oder gar "krank" finden, kann er nicht nachvollziehen. "Wir sind keine Freaks."

Der Grazer hat sich seit rund einem halben Jahr auf das "Race Across America" vorbereitet - und dabei durchschnittlich 30 Stunden pro Woche trainiert. Am Ende waren es fast 40. Belohnt werde er für die Strapazen mit "inneren Glücksgefühlen", wenn er in den USA durch unglaublich schöne Landschaften fahre, nach körperlichen und mentalen Tiefs wieder ein Hoch komme oder er den Zusammenhalt in seinem zehn Mann starken Betreuerteam erlebe.

Zu den Betreuern von Strasser, der täglich bis zu 15 000 Kalorien aus Flüssignahrung aufnehmen muss, gehören unter anderem ein Arzt und ein Physiotherapeut. Sie schauen in den kurzen Pausen während des Rennens nach ihm und betreuen ihn auch schon während der Vorbereitung. Und sie greifen bei Problemen ein: So musste Strasser 2015 das "Race Across America" wegen eines Lungeninfektes abbrechen.

Sportmedizinische Begleitung ist wichtig

Professor Bernd Wolfarth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (DGSP), sagt dazu: "Wenn jemand so etwas machen will, braucht er eine sehr fundierte sportmedizinische Begleitung und eine vernünftige Belastbarkeitsprüfung." Je größer die Belastung, desto umfangreicher die Vorbereitung. Dann sei auch ein 100-Kilometer-Lauf kein Problem.

Doch sind solche extremen Belastungen gesund? Das lässt sich nicht ohne weiteres beantworten, sagt der leitende deutsche Olympiaarzt, der an der Berliner Charité tätig ist. "Es gibt keine Daten zu der Frage, ob viel viel mehr hilft." Beim Extremsport gehe es ohnehin nicht um einen gesundheitlichen, sondern eher um einen persönlichen, also mehr emotionalen Nutzen.

Dafür nimmt es Strasser auch in Kauf, dass ihm in den kurzen Pausen während des "Race Across America" schon mehrmals ein Furunkel herausgeschnitten werden musste. Dass er einmal gegen Ende vor lauter Erschöpfung seinen eigenen Betreuer nicht mehr erkannte und dass die letzten 100 Kilometer körperlich und mental eine "Katastrophe" sind.

Dass Extremsportler wie Strasser nicht in das Schema eines Normalbürgers passen, räumt der Österreicher gerne ein. Es sei natürlich nicht schlecht, 40 Stunden zu arbeiten sowie Haus und Familie zu haben. "Aber ich wollte schon gerne etwas anderes machen, einen speziellen Lebensweg einschlagen." (dpa)