Bildung in Bonn

Die richtige Schule für das Kind finden

Inge Michels hat einen Ratgeber für Eltern geschrieben. Der Titel: Die richtige Schule.

10.12.2013 BONN. Welche Schule ist die richtige für mein Kind? Diese Frage stellen sich jedes Jahr immer wieder aufs Neue Tausende von Eltern. Trotz der Tage der offenen Tür, die Schulen zur Orientierung anbieten, bleiben viele Eltern ratlos. Die Bildungsjournalisten Inge Michels und Stephan Lüke, auch privat ein Ehe- und Elternpaar, haben ein Buch geschrieben, das als Leitfaden dienen kann.

Ist die Entscheidungsfindung für eine Schule heute zu einer Wissenschaft geworden? Warum brauchen Eltern dafür einen Ratgeber?
Inge Michels: Genau das stellen wir im Vorwort zur Diskussion. Es geht nicht um eine Masse von guten Tipps, sondern um einen Leitfaden, der Eltern in ihrer Entscheidungsfindung bestärkt. Unser Buch gibt ihnen eine Art Leitlinie in die Hand, mit der sie sich klar machen können, was für die eigene Familie wichtig ist.

Für viele Eltern stehen neben pädagogischen Kriterien auch praktische Abwägungen im Vordergrund: Ist die Schule in der Nähe? Gibt es dort eine Mensa? Ist es eine Ganztagsschule? Das sind doch Punkte, die recht schnell auf der Checkliste abzuhaken sind, oder?
Michels: Genau. Deswegen gibt es solche Checklisten in unserem Buch. Aber es gibt ja auch Eltern, die sich durch Diskussionen mit anderen Eltern beirren lassen und sich so viele Schulen anschauen, dass sie den Blick dafür verlieren, welcher Aspekt für ihr Kind und ihre Familie Priorität haben sollte.

Ihr Tipp lautet also: Redet nicht zu viel mit anderen Eltern?
Michels: Es kommt drauf an, wie souverän sich Eltern fühlen. Eltern, die sich leicht verunsichern lassen, sollten zunächst darauf schauen, was sie wirklich brauchen und was zu ihnen und ihrem Kind passt. Wir stellen häufig fest, dass viele Eltern in einer Rechtfertigungshaltung stecken, weil es ja immer wieder links und rechts des Weges jemanden gibt, der es anders macht.

Aber erst im Austausch mit anderen Eltern kann ich doch erfahren, wie eine Schule wirklich ist. So ein Besuch beim Tag der offenen Tür gibt einem doch keinen echten Einblick. Das sind doch Ausnahmesituationen. Wie können Eltern erkennen, wo die Stärken und Schwächen der Schulen liegen?
Michels: Man kann sich sehr gut an den Kriterien orientieren, die die Jury für den Deutschen Schulpreis entwickelt hat. Diese Fachleute haben beschrieben, woran man eine gute Schule erkennt. Das zeigen wir in unserem Buch auf.

Welche Kriterien sind das?
Michels: Man erkennt gute Schulen neben Unterrichtsqualität und Leistung vor allem am Klima. Deshalb ist ein Besuch eines Tags der offenen Tür durchaus hilfreich, weil man zum Beispiel daran, wie er organisiert ist, merkt, ob man sich auf Eltern und Kinder freut, sie willkommen heißt, ob man sich sehr viel Mühe gibt, wie sie sich an diesem Tag zurechtfinden können.

Man sollte beim Besuch also seine feinen Antennen ausfahren?
Michels: Unbedingt. Man sollte einfach überlegen: Würde ich morgen wieder gerne hierhin gehen? Und ein Besuch des Unterrichts kann zeigen, ob es dem Lehrer oder der Lehrerin gelingt, die Kinder in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen. Man sollte die Kinder gut beobachten. Wenn es ein "einstudierter" Unterricht ist, dann wirken die Kinder ganz verwundert, was da gerade passiert. Wenn nicht, dann machen sie ganz normal mit.

Was ist denn überhaupt eine "gute Schule"?
Michels: Eine gute Schule ist kindbezogen. In einer guten Schule sieht man sich jedes Kind genau an und fragt sich: Was kann ich als Schulleitung beziehungsweise Lehrkraft dafür tun, dass es dem Kind bei uns gut geht und dass es gerne lernt. Eine gute Schule lernt übrigens selber auch. Wenn Eltern kritisch sind - und das sind heutzutage ja viele - und sich der Schulleiter oder der Lehrer sich das in Ruhe anhört und sagt: Ja, das haben wir uns auch schon mal überlegt, aber wir haben uns aus den und den Gründen für dieses und jenes entschieden, dann ist das ein gutes Zeichen. Aber leider wiegeln immer noch zu viele Schulen lieber ab. Und eine gute Schule ist, wenn Eltern motiviert werden, sich einzubringen, und zwar außerhalb der typischen Gremienarbeit, die ja vorgeschrieben ist. Und damit meine ich nicht das Plätzchenbacken für den Tag der offenen Tür.

Ich kenne kaum Eltern, die richtig zufrieden sind mit der Schule ihrer Kinder. Woran liegt's?
Michels: Stimmt. Die Entscheidung für eine Schule ist nicht unbedingt für die gesamte Schullaufbahn richtig. Wenn der Zeitpunkt kommt, dass man sich nicht mehr gut aufgehoben fühlt, muss man eine Entscheidung treffen.

Also Schulwechsel?
Michels: Das entscheidende Kriterium ist, ob ein Kind noch gerne in die Schule geht. Kinder gehen vor allem wegen der sozialen Beziehungen gerne oder eben nicht so gerne in die Schule. Dass die Leistungen, vor allem in der Mittelstufe, mal runtergehen können, ist erst mal nicht schlimm. Wenn ein Kind aber leidet, aus welchen Gründen auch immer, dann wird es höchste Zeit, sich mit Schulleitung und Klassenlehrern zusammenzusetzen. Und wenn das zu keinem guten Ergebnis führt, sollte man keine Scheu davor haben, die Schule zu wechseln.

Stichwort "Leistung": Wenn der Begriff Förderung in Schulen fällt, ist damit meistens gemeint, dass schwächere Kinder Unterstützung bekommen. Was ist mit den leistungsstarken Kindern? Es kann ja auch mal sein, dass ein Kind unterfordert ist.
Michels: Ein ausgesprochen wichtiges Thema. Das muss von Eltern unbedingt nachgefragt werden. Haben die Schulen ein Konzept für solche Kinder? Und das sollte ja nicht nur für die Hauptfächer gelten, sondern auch für sogenannte Nebenfächer oder für soziale Kompetenz. Das zeichnet eben auch eine gute Schule aus: Kennt sie das einzelne Kind und seine Kompetenzen? Das ist leider kein Standard.

Und dann kommt noch die Inklusion hinzu. Sind die Schulen nicht heute schon hoffnungslos mit ihrer Aufgabe überfordert?
Michels: Wir haben gezielt ein Gespräch mit einer Lehrerin einer Förderschule geführt, aber auch ein gelungenes Beispiel für Inklusion beschrieben, weil uns das Thema bewegt. Wir wollten dazu aber keine Bewertung abgeben. Nur so viel: Überall dort, wo Schulen Inklusion in ihr pädagogisches Konzept einarbeiten und fest verankern, scheint es gut zu funktionieren. Dort, wo Eltern den Eindruck haben, die Schule greift das Thema Inklusion auf, weil sie dazu verpflichtet ist, da wäre ich sehr vorsichtig.

Vorletzte Frage: Gibt es überhaupt die "die richtige Schule"?
Michels: Natürlich. Aber es gibt nur die richtige Schule für das einzelne Kind und die richtige Schule für die einzelne Familie.

Haben Sie die richtige Schule für Ihr Kind gefunden?
Michels: Das wird sich rausstellen! (lacht) Die, die wir uns ausgesucht haben, erfüllt jedenfalls viele Kriterien, die uns wichtig sind.

Inge Michels/Stephan Lüke: "Was Eltern bewegt: Die richtige Schule", Verlag Klett/Kallmeyer, 119 Seiten, ISBN 978-3-7800-4975-9, 14,95 Euro.

Zur Person

Die Diplom-Pädagogin und Redakteurin Inge Michels (50) war lange Zeit wissenschaftliche Referentin und arbeitet heute als Bildungsjournalistin. Die Autorin hat zwei Töchter, eine erwachsene und eine neunjährige, für die sie zurzeit selbst nach einer weiterführenden Schule sucht. Sie lebt mit ihrer Familie in Duisdorf. (Cem Akalin)