Interview mit Swen Christian

Eigenvorsorge bei Starkregenschutz nötig

Starkregen: Volker Strehl (l.) und Swen Christian mit einer Gefahrenkarte für Arzdorf und Fritzdorf.

Starkregen: Volker Strehl (l.) und Swen Christian mit einer Gefahrenkarte für Arzdorf und Fritzdorf.

BONN. Wachtbergs Beigeordneter und der Vorstand der Gemeindewerke wollen Hausbesitzer für die neuen Starkregen-Gefahrenkarten sensibilisieren.

Bei „Unwetterschutz und Eigenvorsorge“ geht es in Wachtberg voran. Ende September hatte der Mitarbeiter eines Ingenieurbüros aus Aachen dem Verwaltungsrat der Gemeindewerke die neuen Starkregen-Gefahrenkarten vorgestellt. Das Besondere: Die Karten wurden für das gesamte Gemeindegebiet aufgelegt und sollen vor allem privaten Immobilienbesitzern als Informationsquelle zum Schutz gegen Starkregenereignisse dienen. Wie Hausbesitzer davon profitieren, fragte den Wachtberger Beigeordneten Swen Christian und Volker Strehl, Vorstand der Gemeindewerke.

Herr Christian, Herr Strehl, welcher Wachtberger Immobilienbesitzer kann die neuen Karten nutzen?

Swen Christian: Eigentlich jeder zwischen Niederbachem und Adendorf. Denn das Ingenieurbüro hat für jeden Ort der Gemeinde anhand von frei verfügbarem Datenmaterial simuliert, welche Bereiche und Straßen im Falle eines erneuten hundertjährigen Starkregenereignisses überflutet werden würden. Und diese Simulation wird jetzt grundstücksgenau möglich. Jeder Interessierte wird die Starkregen-Gefahrenkarten bald auf der Homepage der Gemeinde unter www.wachtberg.de herunterladen können.

Wann wird das möglich sein?

Strehl: Wir sind optimistisch, dass dieses Anfang kommenden Jahres möglich sein wird.

Wie genau sind die Karten für jedes Grundstück?

Strehl: Wir haben jetzt für die meisten Ortsteile erst einmal eine erste, grobe Rechnung des Datenmaterials anfertigen lassen. Da sind zum Beispiel die Kapazitäten des Kanalsystems noch nicht einbezogen worden. Allein für die von den letzten Unwettern besonders betroffenen Ortsteile Fritzdorf, Arzdorf und Werthhoven liegt bereits eine genauere Rechnung vor.

Andere Kommunen verfügen bereits über ähnliche Karten. Wieso hat das Ganze in Wachtberg so lange gedauert?

Strehl: Richtig ist, dass wir uns dem Thema schon sehr viel länger widmen. Genauer gesagt, seit dem Jahr 2004, als ein Unterwetter Teile von Adendorf rund um die Bachstraße überflutet hatte. Damals ist uns klar geworden, dass die Gefahr nicht von Gewässern und Hochwasser ausgeht. Vielmehr verursacht im Drachenfelser Ländchen die Fläche die Probleme: Durch die besondere Topgraphie des Geländes kommt es bei Starkregen beispielsweise immer wieder zu verheerenden Hangabflüssen in die einzelnen Orte. Daher hatte die Politik bereits im Jahr 2005 ein Konzept gegen Starkregen aufgelegt. Wir haben also schon sehr früh gehandelt.

Und die Karten liegen erst 13 Jahre später vor?

Strehl: Lassen Sie es mich so formulieren. Dass wir jetzt unser Konzept in Form der Karten aktualisieren konnten, hat vor allem damit zu tun, dass die Technik und die Entwicklung der Software und der für ein solches Projekt nötigen Digitalisierung des entsprechenden Datenmaterials erst in den letzten Jahren solche außerordentliche Fortschritte gemacht hat. Vor ein paar Jahren war die Erstellung solch genauer Karten technisch noch gar nicht möglich.

Und Unwetter von 2010, 2013 und 2016 haben den Prozess forciert?

Strehl: Ja, weil anders als bei der Abwasserentsorgung die Anpassung an die Folgen des Klimawandels und der Unwetterschutz nicht gesetzlich geregelt sind. Nach herrschender Meinung ist das eine Gemeinschaftsaufgabe, der sich alle Beteiligten stellen müssen. Nicht nur die öffentliche Hand muss ihre Hausaufgaben beim Unwetterschutz machen, sondern auch der einzelne Bürger. Dazu muss der Hausbesitzer aber auch verlässlich Informationen haben. Die bekommt er nun von uns als Gemeinde in Form der Karten.

Die Erarbeitung erfolgt unter Berücksichtigung der Arbeitshilfe des Landes „Starkregenrisikomanagement in NRW“, die aktuell von der Landesregierung unter Federführung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz erarbeitet wird. Mit der Arbeitshilfe soll den Kommunen eine Hilfestellung an die Hand gegeben werden, mit der auf kommunaler Ebene ein Starkregen-Risikomanagement eingerichtet werden kann, mit dem das Risiko von Überflutungen deutlich gemacht wird und die Folgen von Unwetter und Regenfluten vermieden oder gemindert werden.

Swen Christian: Aber lassen Sie mich auch klar sagen: Die Anfertigung der Starkregen-Gefahrenkarten, die die Gemeindewerke immerhin rund 100.000 Euro kosten wird, ist eine freiwillige Aufgabe der Verwaltung. Es gibt keinen Anspruch der Bürger darauf. Die Karten sind aber auch für uns ein wichtiger Anhaltspunkt um zu reflektieren, ob wir als Gemeinde alles für den Unwetterschutz getan haben, was wir tun können. Da wir diese Frageweitgehend bejahen können, schwenken wir nun mit der Veröffentlichung der Karten um auf den Appell zur Eigenvorsorge.

Strehl: Die Gemeindewerke planen weiterhin eine Reihe größerer Unwetterschutz-Maßnahmen. Neben den zwei großen Projekten in Werthhoven, von denen ja eines bereits umgesetzt wird, ist etwa in Fritzdorf noch die Reaktivierung alter Gräben und in Arzdorf ein neuer Durchlass unter der L123 in Planung.

Müssen Besitzer eines als überflutet ausgewiesenen Grundstücks um dessen Wert fürchten?

Christian: Ihren Wert bekommen die Grundstücke aufgrund ihrer Lage, nicht aufgrund unserer Darstellung. Diese Karten sind nur „der Überbringer der Botschaft“: Der Grundstückseigentümer kann nun Maßnahmen ergreifen, um die Risiken zu minimieren. Daher begreife ich die Karten vor allem als Chance. Auch die Karte von Adendorf basiert nur auf einer ersten, groben Rechnung. Wir müssen uns also die hier sichtbar gemachten „Hotspots“ in der zweiten Berechnung genauer ansehen. Und so werden wir im kommenden Jahr nicht nur für Oberbachem und Villip, sondern auch für Adendorf eine verfeinerte Gefahrenkarte in Auftrag geben.