Doppelter Abitur-Jahrgang

Das Horrorszenario trat nicht ein

Bonn.  Allerlei Engpässe und Wartezeiten, aber keine Katastrophe. So lässt sich in einem Satz die Bilanz eineinhalb Jahre nach dem doppelten Abiturjahrgang in Bayern ganz grob zusammenfassen. Mehr oder weniger starke Erleichterung, das ist der Tenor, der die meisten Kommentare aus Politik, Universitätsverwaltung und Studentenvertretungen prägt.
Neue Lösungen sind gefragt: Studenten in einem großen Hörsaal der Technischen Universität in München. Foto: dpa

Der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) meinte etwa, es sei keines der erwarteten "Horrorszenarien" eingetreten. Etliche Faktoren sind dafür verantwortlich. So nahm etwa die Ludwig-Maximilians-Universität in München im Wintersemester 2011/12 rund 18 Prozent mehr Studenten auf als sonst. Sie hat nun 50.000 Studenten - und Platz für 30.000.

Die Technische Universität der Landeshauptstadt nahm sogar 50 Prozent mehr Studenten auf. Die meisten bayerischen Unis haben für den Ansturm des doppelten Abi-Jahrgangs mit An- und Neubauten ihren Platz erweitert, haben Säle angemietet. Stundenplan-Manager kümmerten sich um eine optimale Auslastung der Räume. Es gab Video-Übertragungen von Vorlesungen, vieles wurde auch online ins Internet gestellt.

Vorarbeit leisteten auch die Gymnasien: Um den Studienbeginn im Jahr des doppelten Abiturjahrgangs zu entzerren, wurden an den Gymnasien die Abiturtermine des letzten G9-Jahrgangs auf März/April vorverlegt und mit dem Semesterbeginn an den Hochschulen so abgestimmt, dass in vielen Studiengängen ein Start ins Studium bereits im Mai zum Sommersemester 2011 möglich war. 13.000 der insgesamt 76.000 Abiturienten nahmen diese Chance wahr.

Hochschulen erweitern Studienangebot

Die Hochschulen haben dafür ihr Studienangebot deutlich erweitert. Laut Wissenschaftsministerium standen den Studienanfängern über 400 Studiengänge zur Auswahl. Daneben gab es spezielle Überbrückungskurse wie Propädeutika, Sprachkurse und Praktika. Laut Ministerium wurde das ausgeweitete Studienangebot gut angenommen. 2010 hatten noch fast 5000 Studierende ihr Studium im Sommer begonnen. Ein Jahr danach waren es fast dreimal so viel. Hinzu kamen 3400 Abiturienten, die eines der speziellen Studienangebote wahrnahmen.

Etliche Hochschulen sind sehr kreativ mit der Herausforderung des doppelten Abi-Jahrgangs umgegangen. So ließ die Technische Universität München, deren Studiengänge sonst nur im Wintersemester starten, 16 Studiengänge im Sommer beginnen, davon acht in folgender Weise: In den drei Monaten des Sommersemesters bekommen die Studierenden den Stoff von zwei Semestern vermittelt und können sich im Wintersemester bereits unter die Kommilitonen des dritten Semesters mischen.

"Der Ansturm war weit über dem, was wir erwartet haben", zitiert "faz.net" Ulrich Marsch von der TU. 2000 Bewerbungen seien schon eingegangen. Ihre Sondermaßnahmen hat die Hochschule intensiv beworben: "Wir haben in 15 Monaten 180 Gymnasien besucht", sagt Marsch. An der Uni Nürnberg-Erlangen gibt es ähnliche Angebote. Zum Beispiel "Fasttrack-Bio": der Stoff von sechs Semestern wird in fünf Semester gepackt.

Nackte Zahlen dokumentieren, wie schwierig weitere Prognosen sind. Statt der für 2011 erwarteten 79.000 Erstsemestern schrieben sich 86.000 ein, rund ein Drittel mehr als im Jahr davor, in dem sich knapp 65.000 immatrikulierten. Wissenschaftsminister Heubisch rechnet damit, dass die Studentenzahlen in Bayern auch in den kommenden Jahren weiter steigen werden.

Zum einen hätten noch nicht alle studienwilligen bayerischen Abiturienten ein Studium aufgenommen, zum anderen sei auch aus dem Nachbarland Baden-Württemberg in den nächsten Jahren mit Zuwachs zu rechnen. Dort kam der doppelte Abi-Jahrgang in diesem Jahr. Freilich musste auch Baden-Württemberg bayerische Abiturienten aufnehmen. Die Uni Ulm etwa legte im Sommersemester 2011 ein spezielles Einstiegsprogramm für bayerische G9-Abiturienten auf: Unter der Auflage, das Abiturzeugnis nachzureichen, konnten diese Absolventen ab Mai ein Studium der Elektrotechnik, Informatik, Physik, Wirtschaftsmathematik und anderer Fächer aufnehmen.

Der Freistaat Bayern hatte für den doppelten Abiturjahrgang vorgesorgt, zumindest auf dem Papier, Kritiker stellen die Realisierung des Maßnahmenpakets der schwarz-gelben Koalition allerdings in Frage.

Horrorszenarien in Bayern blieben aus

Bis 2011 sollte es, so das Wissenschaftsministerium, 38.000 neue Studienplätze geben, 3000 neue Stellen für Professoren und Mitarbeiter sowie größere räumliche Kapazitäten. Für Personal und Sachkosten sollen die Hochschulen bis zum Jahr 2013 rund eine Milliarde Euro zusätzlich erhalten. Wegen der Aussetzung der Wehrpflicht wurden noch 2011 weitere 220 Stellen bereitgestellt. Die Hochschulen erhielten bis zum Beginn des Wintersemesters 2011/2012 über Anmietungen und neue Baumaßnahmen zusätzliche Lehr- und Laborräume in einer Größenordnung von rund 130.000 Quadratmeter. Dass die Horrorszenarien in Bayern ausblieben, bedeutet nicht, es sei alles glatt gelaufen. Es wurde bedrohlich eng auf dem Hochschulmarkt. So stiegen die örtlich zulassungsbeschränkten Studiengänge von 308 auf 340.

Defizite gab es bei den Studentenwerken in Bayern, die unter anderem Mensen und Wohnheime betreiben. Die Studentenwerke seien bei der Verteilung der Mittel leer ausgegangen, wie Studentensprecher Christian Zwanziger klagte. Die Folge: Preiserhöhungen bei Mensen, Probleme, bezahlbaren Wohnraum zu finden, lange Wartezeiten für die Bearbeitung von Bafög-Anträgen. Engpässe auch bei den Bibliotheken: Für die Buchausleihe stehen oft nicht genügend Exemplare zur Verfügung, Arbeitsplätze in den Lesesälen sind Mangelware. So verzeichnete die Bayerische Staatsbibliothek einen Zuwachs von 18 000 Lesesaal-Benutzern. Man begegnete dem Problem mit Öffnungszeiten von 8 bis 24 Uhr. Und trotzdem war der Saal überfüllt.

"Für Sanierungen und Baumaßnahmen fehlen den Studentenwerken in Bayern bis zum Jahr 2014 mehr als 50 Millionen Euro", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Isabell Zacharias, hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Ihre Kollegin von den Grünen, Ulrike Grote, rückt ein weiteres Problem in den Mittelpunkt: Ein unterschätztes Thema seien die psychosozialen Beratungsstellen. Hier stieß man in Bayern auch an eine Grenze. Kaum eine Chance, einen Termin zu bekommen. Die Situation verschärft sich dadurch, dass manche G8-Absolventen nicht volljährig sind.

Der doppelte Abitur-Jahrgang trifft die Universitäten und deren Infrastruktur in Bayern wie NRW in einer schwierigen Situation, die eigentlich von einem allmählichen Schrumpfungsprozess geprägt ist. Der Blick richtet sich schon jetzt auf das Jahr 2020: Spätestens dann erwartet man die geburtenschwachen Jahrgänge als Erstsemester an der Uni. Die Welle des doppelten Abiturjahrgangs dürfte dann vorbei sein. Und die Unis müssen Kapazitäten abwracken, die sie 2011/12 mit viel Aufwand aufgebaut hatten.

G8 in der Kritik: Bayern diskutiert das freiwillige "Flexibilisierungsjahr"

Zur Bilanz des doppelten Abi-Jahrgangs in Bayern gehört auch eine Nachlese zu G8. Schlechte Abschlüsse - mehr als zehn Prozent der bayerischen Abiturienten mussten, so der Bayerische Lehrerverband, in diesem Jahr in die mündliche Nachprüfung - sowie Klagen von Eltern, Schülern und Lehrern stellen das achtjährige Gymnasium in Frage. Vor der Landtagswahl 2013 werden Bildungspolitiker da hellhörig. Zurück zu G9 will offensichtlich niemand, zumindest nicht bei CSU und FDP, aber es werden in der bayerischen Staatskanzlei Szenarien diskutiert, die durch die Hintertür doch zu einer Verlängerung der Gymnasialzeit führen könnten.

So könnten Gymnasiasten der Mittelstufe künftig die achte, neunte oder zehnte Klasse in zwei Jahren statt in einem Jahr absolvieren. Die Schüler würden dann individuell gefördert. Besonders gute Schüler könnten sich ein Auslandsjahr gönnen. Beim regulären G8 sind derlei Aktivitäten extrem zurückgegangen.

Das freiwillige Wiederholungsjahr heißt amtlich "Flexibilisierungsjahr". Zur Entlastung von Schülern und Lehrern wird auch die Entrümpelung der Lehrpläne in elf Fächern erwogen. In Englisch und Französisch sollen etwa nicht mehr ganze Bücher gelesen werden, eine Teillektüre tue es auch. Geschichte, Bio und Geografie dürften, so befürchtet die Süddeutsche Zeitung, am stärksten unter dem Lehrplan-Lifting leiden. Für die SPD ist die Reform glatter "Murks", die Grünen nennen das einen "missglückten Befreiungsschlag".

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